Zeitbilder 5, Schulbuch

21. Das kulturelle Erbe der Antike Die Griechen und Römer des Altertums haben unser heutiges Europa in vielfacher Weise geprägt und viele, bis heute sichtbare Spuren hinterlassen: Die Idee der Volksherrschaft in Athen vor 2500 Jahren hat die Entwicklung der „modernen“ Demokratie beeinflusst. Die Griechen entwickelten eigene „Philosophenschulen“. Deren Erkenntnisse bilden noch immer die Grundlage der abendländischen Philosophie. Ärztinnen und Ärzte legen noch heute vor ihrem Eintritt ins Berufsleben einen Eid ab, der auf den Arzt Hippokrates aus Kos (ca. 460 – ca. 370 v. Chr.) zurückgehen soll (s. S. 33). Aus Griechenland stammen auch die olympischen Spiele, die heute allerdings ganz anders verwirklicht werden als in der Antike. Auch das Theater hat seinen Ursprung im antiken Griechenland: Die Komödien und Tragödien der griechischen Dichter werden bis in die Gegenwart gespielt – wenn auch manchmal völlig neu und „modern“ inszeniert. Manche Erkenntnisse der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen haben ihren Ursprung in der Spezialisierung zur Zeit des Hellenismus. Jahr für Jahr bewundern Millionen von Touristinnen und Touristen die antike Baukunst in Griechenland und Italien. Auch in den ehemals römischen Provinzen erfreuen sich die Menschen an den vielen Zeugnissen der antiken Lebenswelt und Kultur: Ausgrabungen von ganzen Stadtvierteln und Wohnanlagen, Tempel, (Amphi-)Theater, Sportstätten, Thermenanlagen, Wasserleitungen und die Reste alter Römerstraßen. Der Kuppelbau, die Fußbodenheizung sowie der Zement als Baumaterial sind ebenfalls römischen Ursprungs. Griechische Philosophie Seit dem 6. Jh. v. Chr. beschäftigten sich in Griechenland die „Freunde der Weisheit“ (= die Philosophen) immer häufiger und kritisch mit den Grundlagen und Erscheinungen der Welt. Der Philosoph Protagoras (um 485–416 v. Chr.) betrachtete den „Mensch als das Maß aller Dinge“: Keine Götter, kein Gesetz, keine Moral sollten mehr über ihm stehen. Die so genannten Sophisten schulten sich in der Kunst des Redens (Rhetorik) und Argumentierens (Dialektik). So konnten sie die eine oder die andere Ansicht vertreten, ohne damit einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Dem Philosophen Sokrates (470–399 v. Chr.) war diese Einstellung zu wenig. Er suchte sein Leben lang nach der Weisheit und prüfte sich und andere in Bezug auf gute Taten. Weil er angeblich die Jugend verführt und die alten Götter verleugnet hatte, wurde er zum Tode verurteilt. Seinen Anklägern rief er zu: Q […] Solange ich noch atme und es vermag, werde ich nicht aufhören, nach Weisheit zu suchen und euch zu ermahnen [… ]. Was aber nun hierauf [auf die Verurteilung; Anm. d. A.] folgen wird, gelüstet mich euch zu weissagen, ihr meine Verurteiler: […] Denn wenn ihr meint, durch Hinrichtung dem Einhalt zu tun, dass euch niemand schelten soll, wenn ihr nicht recht lebt, so bedenkt ihr das schlecht. Denn diese Entledigung ist [nicht] edel. Sondern jene ist die edelste und leichteste; […] sich selbst so einrichten, dass man möglichst gut sei. (Platon, Apologie des Sokrates) Erläutere die Aussage des Sokrates gegenüber seinen „Verurteilern“ und erörtere sie. Platon und sein Schüler Aristoteles fassten im 4. Jh. v. Chr. die bisherigen philosophischen Ansätze zusammen. Sie entwickelten daraus jeder für sich eine selbstständige Lehre. Sie beeinflussten mit ihren Erkenntnissen grundlegend das philosophische Denken des Abendlandes. Aristoteles prägte mit seinem Weltbild auch die Naturwissenschaften bis weit in die Neuzeit hinein. Allerdings irrte er in vielen seiner Aussagen. Sie konnten erst durch kritisches Forschen widerlegt werden (z.B. seine astronomische Lehre durch Galileo Galilei). Griechisches Theater Seit etwa 500 v. Chr. trugen die Tragödiendichter in Athen bei einem Dreitagesfest ihren Dichterwettbewerb zu Ehren des Gottes Dionysos aus (s. auch S. 34 f.). Jeder der drei von einem Archon ausgewählten Dichter konnte jeweils einen ganzen Tag lang seine Stücke präsentieren. Eine zehnköpfige Jury wählte den Sieger aus, der zum Siegeskranz auch noch ein Preisgeld erhielt. Ins Theater am Südhang der Akropolis kamen etwa 14000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Da die Aufführungen den ganzen Tag über stattfanden, wurde im Theater auch gegessen und getrunken. Zwischen 500 und 400 v. Chr. wurden in Athen etwa 1500 neue Dramen aufgeführt: L Erstaunlich dabei ist, dass etwa ein Fünftel von nur drei Dichtern verfasst wurde; Aischylos (525– 456 v. Chr.) schreibt 70 Stücke, Sophokles (um 496– 406 v .Chr.) 132 und Euripides (um 485–406 v. Chr.) 92. Es ist aber auch interessant, sich vor Augen zu führen, dass diese drei großen Tragiker zusammen nur 35 Siege errungen haben. (Thunich, Mehr als nur Vergnügen – das Theater der Griechen, Praxis Geschichte 4/1992, S. 36) Wissenschaft und Praxis im Hellenismus Schon seit dem 3. Jh. v. Chr. begann in den hellenistischen Staaten die Spezialisierung in einzelne Wissenschaften (vgl. S. 31) wie z. B. die Mathematik oder die Mechanik. Ihre Erkenntnisse bilden noch immer eine Grundlage für die heutige Lehre. Allerdings hatte die Theorie lange Zeit Vorrang vor der Praxis: L Die große kulturelle Leistung des antiken Griechentums war ohne Zweifel die Entwicklung eines wissenschaftlichen Bewusstseins. Der Grieche war in der Tat der erste theoretisierende Mensch. Sein Leben galt der wissenschaftlichen Erkenntnis […]. Die 60 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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