DEUTSCHE KLASSIK | 1786 – 1805 151 „Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst, Ist dieser dünne Flor – für deine Hand Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.“ Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause. Ihm raubt des Wissens brennende Begier Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt. Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen, Und mitten in das Innre der Rotonde Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden. Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt Den Einsamen die lebenlose Stille, Die nur der Tritte hohler Widerhall In den geheimen Grüften unterbricht. Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft Der Mond den bleichen, silberblauen Schein, Und furchtbar wie ein gegenwärt’ger Gott Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse In ihrem langen Schleier die Gestalt. Er tritt hinan mit ungewissem Schritt – Schon will die freche Hand das Heilige berühren, Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme. Unglücklicher, was willst du tun?, so ruft In seinem Innern eine treue Stimme. Versuchen den Allheiligen willst du? Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund, Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe. Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu: Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen? „Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf –“ Er ruft’s mit lauter Stimm – „Ich will sie schauen.“ Schauen! Gellt ihm ein langes Echo spottend nach. Er spricht’s und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der Isis1 ausgestreckt. Was er allda gesehen und erfahren, 40 42 44 46 48 50 52 54 1 Isis: Thronende Göttin aus Unterägypten 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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