Alles Geschichte! 6, Schulbuch

86 Während in Polen die Bürgerschaft wesentlich zur Wirtschaft beitrug, fehlte diese in den anderen Regionen Polen-Litauens. Diese Position nahm nun die jüdische Bevölkerung ein, die in vielen Kleinstädten die Mehrheit bildeten. Die Aufteilung von Polen-Litauen Der Druck aus Russland nahm weiter zu und führte 1768 zur Unterzeichnung eines Vertrages, der Russland die Schutzrechte über die Nichtkatholiken zusprach und weitreichende Einflussmöglichkeiten boten, sodass Polen-Litauen gewissermaßen unter russische Oberhoheit kam. Dies führte zu Widerstand und Aufständen im ganzen Land. Mit der Kriegserklärung des Osmanischen Reichs an Russland, drohte der Konflikt weiter zu eskalieren. Preußen und Österreich nützten die Krise und besetzten erste polnische Gebiete. 1771 versuchte Preußen sich mit Russland zu einigen, was unter Einbeziehung Österreichs ein Jahr später gelang. Das benötigte Einverständnis des polnisch-litauischen Sejm zur Abtretung von Gebieten an die drei Mächte wurde durch militärische Bedrohung erzwungen. König Stanislaus II. August Poniatowski führte notwendige politische Reformen in Polen-Litauen durch, die zur Verfassung vom 3. Mai 1791 führten. Diese sah die Gewaltenteilung, eine Mitbestimmung der Bürger, einen Rechtsschutz für die bäuerliche Bevölkerung und eine Umwandlung in eine erbliche Monarchie vor. Diese fortschrittliche Verfassung war Auslöser für das Eingreifen Russlands und für einen Bürgerkrieg, der letztlich zum Ausschluss des Königs aus den Regierungsgeschäften und zu einer Annullierung der Verfassung führte. Preußen und Russland verständigten sich 1793 über eine weitere Teilung. Nach der Niederschlagung eines Aufstandes der polnischen Bevölkerung und dem Rücktritt des Königs wurde 1795 das Teilungsabkommen zwischen Russland, Österreich und Preußen unterzeichnet. Mit dieser dritten Teilung wurde Polen-Litauen aufgelöst und 1797 für völkerrechtlich erloschen erklärt. Polen unter habsburgischer Herrschaft Das Österreich zugesprochene Gebiet wurde 1803 in das Königreich Westgalizien und Lodomerien eingegliedert. Während der Napoleonischen Kriege kam es zu einer kurzen Wiedererstehung eines eigenständigen polnischen Staates, der Wiener Kongress löste diesen aber wieder auf. Der österreichische Kaiser berief 1817 erstmals einen Landtag für Galizien ein, um die politische Eingliederung in die Habsburgermonarchie voranzutreiben. In den Jahren 1830/31 und 1863 kam es in Warschau zu nationalistisch motivierten Aufständen, die aber keine Änderungen am rechtlichen Status Polens erzielten. In der von Kaiser Franz Joseph I. erlassenen Dezemberverfassung 1867 wurden den ehemals polnischen Gebieten 38 Abgeordnete zur politischen Vertretung im Reichsrat zugesprochen, die die Anliegen der polnischen Bevölkerung vertraten. Erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges kam es am 11. November 1918 durch Unterstützung des US-Präsidenten Wilson zur Ausrufung der zweiten polnischen Republik. Jetzt bist du dran: 1. Vergleiche die Landkarte in M1 mit einer heutigen Karte des polnischen Staates. Arbeite die Unterschiede in den Gebietsveränderungen heraus. 2. Vergleiche anhand von M2 und dem Autorentext die tatsächliche Gleichstellung der polnischen und der litauischen Bevölkerung von Polen-Litauen. 3. Interpretiere die Aussage der Karikatur in M3. 4. Erörtere die Fortschrittlichkeit der von der ersten polnischen Republik eingeführten Rechte. 5. Rufe mit der QuickMedia-App das Video „Österreichisch-polnische Beziehungen“ auf. Löse die interaktiven Aufgaben. M3: Unbekannter Künstler: Picture of Europe for July 1772. Karikatur, 1772 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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