Alles Geschichte! 6, Schulbuch

74 5.7 Das Leben der Beherrschten und Entrechteten Die indigene Bevölkerung Nordamerikas Vor der Ankunft der Europäer lebten in Nordamerika zahlreiche indigene Völker mit jeweils eigenen Sprachen, Traditionen und Riten. Dazu gehörten zum Beispiel die noch heute bekannten Irokesen, Sioux, Apachen und Cherokee. Aber auch die Stämme auf dem Gebiet des heutigen Alaskas, Kanadas und Grönlands waren Teil der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Gemeinsam war fast allen eine enge Verbindung zur Natur und eine große Spiritualität. Zwischen den einzelnen Stämmen gab es zum Teil ausgeprägte Handelsbeziehungen, aber es gab auch verfeindete Völker, die sich immer wieder gegenseitig überfielen und bekriegten. Unterschiedliche Lebensweisen Das riesige Gebiet und die damit einhergehenden unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, von Eis bis Wüste, führten dazu, dass sich die Lebensweise der verschiedenen Stämme teilweise grundlegend voneinander unterschied: Manche lebten nomadisch, hatten also keinen festen Wohnsitz, und führten ein Leben als Jäger und Sammler, während andere sesshaft waren und Landwirtschaft betrieben. So pflanzten z. B. die Hopi erfolgreich Mais, Bohnen und Kürbisse an, wohingegen die Apachen für ihre ausgeklügelten Jagdstrategien bekannt waren. Die heute oft eng mit unserem „Indianer“-Begriff verbundenen Tipis (= Zelte) dienten dabei nur den vorrangig nomadisch lebenden Stämmen in der nordamerikanischen Steppe als Wohnraum. Sesshafte Völker wie die Hopi lebten in Dörfern und errichteten aus Lehm und anderen Materialien zum Teil mehrstöckige Wohnhäuser. M1: Wupatki National Monument, Arizona. Fotografie, 2006 Ruine eines großen Wohnkomplexes aus dem 12. Jh., der an die 100 Vorfahren der Hopi beheimatete. Handel und Kooperation Vielerorts handelte die lokale Bevölkerung ab dem 16. Jh. mit den sich niedergelassenen europäischen Siedlerinnen und Siedlern. So wurden etwa Waffen, Werkzeuge und Stoffe gegen Pelze, Fisch und Mais getauscht. Teilweise kam es sogar zu Bündnissen mit den Europäern gegen andere indigene Stämme. Neben dem kulturellen Austausch verbreiteten sich so allerdings auch Krankheiten wie die Pocken, gegen die die Indigenen keine Immunität besaßen und die sie so in riesigem Ausmaß dahinrafften. Verdrängung und Widerstand Schon bevor die europäischen Eroberer sich allmählich in Nordamerika ausbreiteten, hatte es Konflikte und Kriege zwischen unterschiedlichen indigenen Stämmen um Territorien und Ressourcen gegeben. Diese Konflikte wurden noch zusätzlich verschärft, als die ansässigen Bevölkerungen von den Europäern gewaltsam immer weiter Richtung Westen und in unwirtlichere Gebiete verdrängt wurden. Gleichzeitig kam es auch immer wieder zu Aufständen und Kämpfen gegen die feindlichen Eindringlinge aus Europa. In solchen unfruchtbaren Landstrichen kamen im 17. und 18. Jh. die heute unser „Indianer“-Bild prägenden Reiternomaden auf, die mit Hilfe des aus Europa nach Nordamerika gebrachten Pferdes die Büffeljagd revolutionierten und mit ihrer Mobilität weite Gebiete kontrollierten. Trotz der beachtlichen militärischen Stärke der Reiternomaden und ihrem heftigen Widerstand fand ihre Zeit in der zweiten Hälfte des 19. Jh. nach Goldfunden und der zunehmenden Ausbreitung europäischer Siedler/innen sowie ihrer Nachkommen ein jähes Ende. Ermordet, entrechtet, an den Rand gedrängt Am Ende des 19. Jh. war die ursprünglich in Nordamerika ansässige Bevölkerung stark dezimiert, ihrer Heimat beraubt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Heute leben Nachfahrinnen und Nachfahren einiger indigener Völker in eigens geschaffenen Reservaten. In diese kleinen, zumeist abgelegenen und wenig ertragreichen Gebiete wurden ab dem späten 19. Jh. verschiedene Stämme von der amerikanischen Regierung zwangsumgesiedelt. Dort konnten sie zwar stark eingeschränkt, aber zumindest ein Stück weit ihre Kultur und Identität bewahren. Gleichzeitig entstanden durch die schwierigen Lebensbedingungen in den Reservaten Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Deshalb lebt der Großteil der über sechs Millionen Native Americans in den USA heute nicht in solchen Reservaten. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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