Alles Geschichte! 6, Schulbuch

73 Englische Kolonien in Nordamerika Durch die Organisation der englischen „Entdeckungs“- und Eroberungsfahrten in Form von privaten Handelsgesellschaften (s. S. 71) unterschieden sich auch die englischen Kolonien von jenen Spaniens oder Portugals. Die englischen Siedlungen waren durch eine größere Selbstständigkeit und Unabhängigkeit gekennzeichnet. Diese bereitete schließlich den Boden für die Amerikanische Revolution und die frühe Unabhängigkeit von der englischen Kolonialmacht. Plantagen im nordamerikanischen Süden Die erste englische Kolonie, Virginia, wurde von Abenteurern, Kaufleuten und Aktionären 1607 an der nordamerikanischen Ostküste gegründet. Die Suche nach Gold, Gewürzen und einem weiteren Seeweg nach Indien vereinte sie. Diese Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht, stattdessen bauten sie in weiterer Folge Tabak an. Neben den ersten afrikanischen Sklavinnen und Sklaven bestanden die Arbeitskräfte auf den Tabakplantagen aus verschleppten englischen Häftlingen und Schuldknechten, denen man die Überfahrt finanzierte, wofür sie sich für einige Jahre zur Arbeit verpflichteten. Diese Schuldknechte bildeten einen Großteil der frühen Siedler in den südlichen Kolonien. Mit dem steigenden Bedarf an Arbeitskräften breitete sich zudem die Sklaverei weiter aus. In den südlichen englischen Kolonien entwickelte sich so eine kleine Schicht einflussreicher Großgrundbesitzer, die auf Basis der Ausbeutung von Sklaven und Sklavinnen zu erheblichem Reichtum kamen. Neuenglands Puritaner/innen Im Unterschied zu Virginia wurde das Gebiet Neuengland, im äußersten Nordosten der heutigen USA, 1620 von Religionsflüchtlingen besiedelt. Diese Reformatorinnen und Reformatoren, die von der anglikanischen Kirche nicht geduldet wurden, forderten eine strenge Auslegung des christlichen Glaubens rein nach der Bibel. Sie strebten weniger nach Reichtum als nach religiöser und politischer Freiheit. So entwickelte sich im Gegensatz zur feudalen Plantagenwirtschaft des Südens in Neuengland ein eher kleinstädtisch-bürgerlich geprägter Gegenpol. Puritaner/innen und amerikanische Identität Er [John Winthrop] gründete unter anderem die Stadt Boston, in der Überzeugung, dass seine Kolonie für die weltweite Christenheit als „Neues Jerusalem“ Vorbildcharakter bekommen würde. […] „Müßiggang“ wurde als Sünde verdammt, und die religiöse Unterweisung stand im Mittelpunkt der bürgerlichen Bildung. Es entstanden viele entsprechend ausgerichtete Schulen, darunter auch das 1636 gegründete Harvard. Zutiefst von der Sündhaftigkeit des Menschen überzeugt und durch ihre Erfahrung in England geprägt, misstrauten die Puritaner generell der Macht, da Menschen ihres Erachtens unweigerlich zu deren Missbrauch und zu Korruption neigten. Daraus erklären sich die bis heute tiefsitzende amerikanische Skepsis gegenüber der Staatsmacht sowie die Betonung demokratischer Werte und der Rechte des Individuums. M2: Nagler: Von den Kolonien zur geeinten Nation, 20.3.2014. Online auf: www.bpb.de (3.8.2022). M3: Jennie A. Brownscombe: „Das erste Thanksgiving in Plymouth 1621“. Gemälde, 1925. Jetzt bist du dran: 1. Beschreibe anhand der Schilderungen des spanischen Gerbers (M1) im Brief an seine Frau, wie sich dessen Leben mit der Emigration verändert hat. 2. Fasse den in M2 beschriebenen Einfluss der Puritaner/innen auf die amerikanische Identität zusammen. 3. Beschreibe und interpretiere das Gemälde „Das erste Thanksgiving in Plymouth 1621“ (M3). Beziehe dabei die Informationen zum Puritanismus aus dem Autorentext und von Seite 26 mit ein. 4. Recherchiere zu Thanksgiving. Beurteile, ob du das Feiern dieses Festes zeitgemäß findest. Australien: Englands Strafkolonie Ab 1788 nutzte Großbritannien Australien als Gefangeneninsel, um die eigenen Gefängnisse zu entlasten. Die amerikanischen Kolonien, in die man regelmäßig Verurteilte zur Strafarbeit geschickt hatte, waren unabhängig geworden und nahmen keine britischen Verurteilten mehr auf. So kamen in den folgenden 80 Jahren über 150 000 Sträflinge nach Australien. Während Spanien fromme Katholiken und Katholikinnen sowie häufig verdiente Bürger und Bürgerinnen in ihren Kolonien ansiedelte, nützte Großbritannien seine Kolonien auch, um an den gesellschaftlichen Rand gedrängte Gruppen, wie religiös oder politisch Andersdenkende oder Sträflinge, aus dem eigenen Land zu schaffen. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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