Alles Geschichte! 6, Schulbuch

59 Reformen in Österreich In den habsburgischen Ländern wurden zahlreiche Reformen während der Regentschaft von Maria Theresia in die Wege geleitet. Sie selbst gilt jedoch nicht als aufgeklärte Herrscherin. Als streng gläubige Katholikin ordnete Maria Theresia die Umerziehung und Vertreibung von Vertreterinnen und Vertretern anderer Konfessionen an. Zu größeren Reformen war sie nur aufgrund des Einwirkens ihrer Berater oder ihres Sohnes, des späteren Kaisers Joseph II., bereit. Dennoch war sie bemüht, den Staat zu modernisieren. Gestützt von Beratern, die von der Aufklärung beeinflusst waren, wurden die Zentralisierung des Staates, die Modernisierung des Gesundheitswesens sowie die Organisation eines öffentlichen Schulwesens umgesetzt. Im Bereich der Justiz bemühte sie sich um die Kodifizierung des Rechts. Obwohl in der Constitutio Criminalis Theresiana (1768/69), einem Strafgesetzbuch, die Folter zwar beschränkt, aber bestätigt wurde, hob sie diese unter dem Einfluss ihres Sohnes, der auch ihr Mitregent war, 1776 auf. Joseph II. – Hohes Tempo bei Reformen Joseph übernahm nach dem Tod seiner Mutter 1780 die alleinige Herrschaft. Er war von den Ideen der Aufklärung überzeugt und setzte weitreichende Reformen um, allerdings ohne der Bevölkerung Mitsprache zu gewähren. Sein Motto war: Alles für das Volk, nichts durch das Volk. Zu seinen größten Reformen zählt im Bereich der Landwirtschaft die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1781. Die Grundherrschaft blieb bestehen, aber die Abgaben der Bauernschaft wurden geringer. Außerdem trieb er die Säkularisierung voran: Klöster von Orden, die keinen Mehrwert für die Gesellschaft brachten, also etwa nicht in der Krankenpflege oder in Schulen tätig waren, wurden geschlossen. Die Ordensländereien und -vermögen wurden eingezogen. Auf Grundlage der Toleranzpatente von 1781 und 1782 durften Protestantinnen/Protestanten und Jüdinnen/Juden ihre Religion frei ausüben. Auf die Initiative Josephs II., staatliche Wohlfahrtseinrichtungen auszubauen, geht auch die Errichtung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses zurück, das mit dem sogenannten „Narrenturm“ die weltweit erste Einrichtung für die Betreuung psychisch kranker Menschen aufwies. Viele Reformen Josephs II. zielten vor allem auf Rationalisierung und Sparsamkeit ab (M3). So verringerte er auch die Anzahl der kirchlichen Feiertage und Feste, um die Anzahl der Arbeitstage und damit die Produktivität zu steigern. Nicht alle seiner Reformen wurden von der Bevölkerung akzeptiert, sodass einige zurückgenommen werden mussten. Anerkannt war hingegen Josephs Maßnahme, die Friedhöfe vor die Ortschaften zu verlegen, damit das Grundwasser nicht verunreinigt wurde. Man hatte bereits in den 1770er Jahren damit begonnen, doch waren nun auch alle kleineren Ortschaften an diese Anweisung gebunden. Die Bevölkerung im (Reform-)Absolutismus Die Lebensbedingungen des Großteils der Bevölkerung verbesserten sich im Reformabsolutismus nicht besonders. Die Steuerlast lag bei jenen, die ohnehin wenig hatten und kamen Missernten hinzu, hungerten die Menschen. Politische Mitbestimmung war auch im Reformabsolutismus nicht vorgesehen. Oft gingen die Reformbestrebungen der Monarchen den Untertanen auch zu weit oder griffen ihren privaten Lebensbereich ein. So kam es im 18. und 19. Jh. zu Aufständen und Revolutionen, in welchen die Bevölkerungsgruppen versuchten, ihre soziale Lage oder ihre Stellung gegenüber den Herrschenden zu verbessern. M3: Gemeindesarg („Sparsarg“). Fotografie, 2009. Joseph II. ließ 1785 den sogenannten „Sparsarg“ einführen, der mehrmals verwendet werden sollte. Der Holzsarg war an der Unterseite mit einer Klappe ausgestattet, durch die der/die Tote in das Grab gelassen werden konnte. Die Bevölkerung – insbesondere in Wien – reagierte mit Protesten. Nach nur sechs Monaten musste die Verordnung wieder außer Kraft gesetzt werden. Jetzt bist du dran: 1. Fasse die wesentlichen Kennzeichen und Anliegen des europäischen Reformabsolutismus zusammen. 2. Untersuche die Argumentation der Alleinherrschaft Friedrichs II. (M2). Vergleiche anschließend seine Herrschaftskonzeption mit dem Motto Josephs II. „Alles für das Volk, nichts durch das Volk.“ 3. Bewerte das Motto Josephs II. 4. Diskutiere mögliche Gründe, warum die josephinischen Reformen von Feiertagen und Begräbnisriten (M3) in der Bevölkerung auf Ablehnung stießen. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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