Alles Geschichte! 6, Schulbuch

163 Die Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern Die Neuzeit ist gekennzeichnet durch den Übergang von der agrarischen Produktionsform zur Industrialisierung. In agrarisch strukturierten Wirtschaften galt eine Familie als Produktionseinheit und die Ehe wurde als Zweckgemeinschaft gesehen, in der eine Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen herrschte. Bis zum 18. Jh. war Arbeit nicht vom privaten Leben getrennt und wurde von Frauen und Männern verrichtet. Erst im 18. Jh. wandelte sich im gesellschaftlichen Bewusstsein die Arbeit im Haus zur Frauen-Hausarbeit. Verhaltensnormen der bürgerlichen Gesellschaft führten zu einer Trennung der Arbeitsverhältnisse. Dabei war die öffentlich verrichtete und bezahlte, sogenannte produktive Erwerbsarbeit Männern vorbehalten, während die private, unbezahlte, als reproduktiv bezeichnete Hausarbeit Frauen übertragen wurde. Dieses Konzept entsprach jedoch nicht der Realität der verheirateten Arbeiterinnen, da diese wie ihre Männer und auch Kinder in der Öffentlichkeit produktiver Arbeit nachgingen, um die Familie erhalten zu können. Zudem hatten sie meist auch die Hausarbeit zu bewältigen. Innerhalb der produktiven Arbeit bildete sich eine Wertung aus, da von Frauen verrichtete Arbeit generell schlechter bezahlt wurde als die der Männer. Der Ausschluss der Frauen aus der Bildung Ab dem Ende des 16. Jh. kam es zunächst nur vereinzelt in Teilen Europas zur Einführung einer allgemeinen Schulpflicht für Jungen und Mädchen. Erst im 18. Jh. begann sich diese generell in den europäischen Ländern durchzusetzen, sie bezog sich aber nur auf eine meist sechsjährige Grundschule. Während männliche Jugendliche Möglichkeiten zur weiteren Schulbildung hatten, wurden weibliche Jugendliche bis ins 19. Jh. von diesen ausgeschlossen, da ihnen die notwendige Verstandeskraft abgesprochen wurde. Gegen Ende des 19. Jh. wurde das erste Gymnasium für Mädchen gegründet, während in Österreich 77 für Knaben existierten. Bis zur Gründung von Gymnasien für Mädchen (1890 in Prag, 1892 in Wien) waren Frauen von einem Studium an einer Universität ausgeschlossen. Noch in den 1920er- und 1930er-Jahren mussten Lehrerinnen und Ärztinnen in Österreich bei Verheiratung ihre Arbeit aufgeben. Die ersten Frauenbewegungen Die Ideen der Aufklärung führten zu ersten sozialen Bewegungen, welche die Forderung erhoben, die Rechte der Frauen an die der Männer anzugleichen. Die sich gegen Mitte des 19. Jh. etablierenden Frauenbewegungen forderten bürgerliche und politische Rechte für Frauen ein. Auch wenn die politische Gleichstellung von Frauen und Männern in vielen Ländern erreicht wurde, existieren auch heute in demokratischen Staaten noch diskriminierende Einstellungen, die ihren Ursprung, in dem je nach Geschlecht unterschiedlich zugeschriebenen Charakter haben. Der Sozialdemokrat Victor Adler zur Forderung des Wahlrechts für Frauen (1903) Aber es fragt sich, ob die politische Lage reif ist, um einen Feldzug für das Frauenwahlrecht zu unternehmen. Und da sage ich Ihnen rundweg, in Ländern wie Oesterreich, Belgien usw., wo das Männerwahlrecht noch nicht einmal erkämpft ist, wo wir alle Kraft auf diesen Punkt konzentrieren müssen, wäre es eine politische Torheit, diesen Kampf abzulenken auf einen Punkt, der voraussichtlich erst später zu erreichen sein wird. Von diesem Standpunkte der politischen Taktik muß ich sagen: Wir müssen bei jeder Gelegenheit erklären, daß wir für das Frauenwahlrecht sind, daß wir auch den ersten Schritt auf diesem Gebiete machen wollen, aber daß der letzte Schritt erst gemacht werden kann, wenn der erste Schritt gemacht ist, und der ist: die Erkämpfung des Wahlrechtes für die Männer. M3: Bericht über die zweite Konferenz der sozialdemokratischen Frauen Österreichs, 1903, S. 26–27 (alte RS). Jetzt bist du dran: 1. Beschreibe die in Abbildung M1 den Frauen zugedachten Tätigkeiten. 2. Führt in der Klasse eine Umfrage durch, wer zu Hause die unbezahlte Arbeit verrichtet. 3. Diskutiert in der Klasse anhand von M2, welche Geschlechterrollen es heute noch gibt und welche „typischen“ Eigenschaften den Geschlechtern immer noch zugeschrieben werden. 4. Beurteile die Stellung der Frauen in M3, welche die beschriebene Strategie notwendig macht. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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