Alles Geschichte! 6, Schulbuch

133 Wenn auch von staatlicher Seite in den meisten Ländern heute ein gewisser Schutz besteht, wird die Gründung von Betriebsräten, die die Interessen der Arbeitenden gegenüber der jeweiligen Firma vertreten, in einigen Unternehmen noch immer unterbunden, z.B. bei Amazon. Ein Maurer über die Probleme der Arbeiterinnen (1909) Es ist eine Schande, wie heutzutage die weiblichen Arbeitskräfte ausgesaugt werden. […] Überall hört man nichts als Klagen, und trotzdem sind die meisten nicht zu bewegen, sich zusammenzuschließen und sich zu organisieren. Den Fall gesetzt, sie wären so wie wir organisiert, würden sie den Blutsaugern ohne Mühe das Handwerk legen können. Zum Beispiel wäre für die Verkäuferinnen […] nichts leichter, um ihre Verhältnisse zu verbessern, als ein Streik kurz vor Weihnachten. M2: Evans (Hg.): Kneipengespräche im Kaiserreich, 1989, S. 160. Die zwei Seiten der Arbeitgeberinitiativen Auf der einen Seite organisierten sich auch die Arbeitgeber nach Branchen in Unternehmervereinigungen. Diese betrieben Lobbying für die Interessen der Industriellen. Das heißt, sie versuchten die Politik zu beeinflussen, etwa um strengere Arbeitsschutzgesetze, Begrenzungen der maximalen Arbeitszeit oder Einschränkungen von Kinderarbeit zu verhindern. Seitens der Unternehmen vertrat man die Position, wer fleißig und sparsam sei, könne unter den bestehenden Bedingungen gut leben. Auf der anderen Seite wurden viele Fabriksbesitzer selbst aktiv, um die Lage ihrer Arbeitskräfte etwas zu verbessern. Dabei spielten nicht nur wohltätige Motive eine Rolle, sondern es sollten unter anderem Streiks verhindert werden. So wurden z.B. Billig-Unterkünfte in unmittelbarer Nähe der Fabriken gebaut. Zudem gab es teilweise Betriebskassen, in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber einzahlten und die Vorläufer moderner Versicherungen waren. Sozialismus und Kommunismus Als Gegenbewegung zum Kapitalismus und Antwort auf die soziale Frage entstand die Theorie des Sozialismus. Sie forderte Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität für alle Menschen ein. Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten diese in ihren einflussreichen Schriften weiter. Zentraler Kritikpunkt war, dass die Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen, Rohstoffe) in privater Hand waren, also den Unternehmern gehörten. So würden nur Fabriksbesitzer den Gewinn erhalten, der durch die Arbeiter/innen erwirtschaftet wurde, und es entstehe eine ungleiche Vermögensverteilung mit all ihren negativen Folgen. Die Ansichten darüber, wie eine neue, gerechtere Gesellschaftsordnung erreicht werden sollte, gingen in der jungen Strömung auseinander und bewegten sich zwischen schrittweisen Reformen und einem völligen Umsturz durch eine Revolution. Letzteres vertraten die Kommunistinnen und Kommunisten. Zwar war die neue politische Ideologie wichtiger Ideengeber für die Arbeiterbewegung, in der Praxis gelang die Umsetzung jedoch nicht, sondern endete in Diktatur und Armut, wie z. B. in Russland. Arbeiterbewegungen und Parteien Um die Anliegen der Arbeiter/innen nicht nur gegenüber den Fabriksbesitzern zu vertreten, sondern auch politisch aktiv zu werden, entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zunächst Arbeitervereine, die diese Bewegung trugen und die Politisierung der Bevölkerung förderten. Auch Frauenbewegungen entstanden in dieser Zeit. Später entstanden Arbeiter/innenparteien, wie 1889 die heutige Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) oder 1918 die heutige Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). Forderungen im Eisenacher Programm (1869) 1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts an alle Männer vom 20. Lebensjahre […]. 3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und Konfession. […] 5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der Kirche. 6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten. 7. Unabhängigkeit der Gerichte […] und unentgeltliche Rechtspflege. […] M3: Eisenacher Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, in: Demokratisches Wochenblatt, Nr. 33, 14. August 1869, S. 375. Jetzt bist du dran: 1. Erkläre, was unter dem Begriff „soziale Frage“ verstanden wird. 2. Früher wurden Streiks oft gewaltsam niedergeschlagen (M1). Recherchiere, welche Methoden heute weltweit verwendet werden, um Streiks zu verhindern bzw. zu beenden. 3. Beschreibe, warum dem Maurer (M2) zufolge sich die Lage der Arbeiterinnen nicht im gleichen Maße verbesserte wie die Lage ihrer männlichen Kollegen. 4. Ermittle, welche Forderungen aus dem ersten Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (M3), auf das sich auch die österreichische SDAP später berief, heute verwirklicht sind. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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