Alles Geschichte! 6, Schulbuch

117 Steuerleistung von 10 bis 20 Gulden erbrachten („Zensuswahlrecht“). Die Kurien waren unterteilt in 1) Großgrundbesitz, 2) Städte, Märkte und Industrieorte, 3) Handels- und Gewerbekammern und 4) Landgemeinden. Die einzelnen Kurien wiesen eine unterschiedliche Anzahl von Abgeordneten auf, weshalb die Wahlstimmen ungleich gewichtet waren. Eigenberechtigte, also laut Gesetz voll handlungsfähige Frauen waren nur in der Kurie des Großgrundbesitzes wahlberechtigt. Ein Recht auf politische Mitbestimmung hatten durch diese Einschränkungen nur etwa 6 % der Bevölkerung. 1882 wurde der Steuerzensus auf 5 Gulden gesenkt, wodurch Kleinbürger und die Bauernschaft das Wahlrecht erhielten. Eine größere Ausweitung des Wahlrechts bewirkte die Reform von 1896 mit der Einführung einer fünften Kurie, die zusätzlich allen Männern über 24 Jahren das Wahlrecht verlieh. 1907 wurde das Kurienwahlrecht abgeschafft und ein allgemeines und gleiches Wahlrecht der Männer über 24 Jahren eingeführt, womit alle Frauen von den Wahlen ausgeschlossen waren. Das Wahlrecht der Frauen In Europa haten bereits während der Französischen Revolution (s. S. 100) und der Revolutionen von 1848/1849 (s. S. 112) einzelne Frauen und Männer die politische Mitbestimmung für Frauen gefordert, verknüpft mit der Forderung nach Bildung für Mädchen und Frauen. Die Abschaffung des seit 1861 geltenden Wahlrechts von Frauen für die Landtagswahlen in Niederösterreich im Jahre 1888 führte dazu, dass sich Lehrerinnen aus Niederösterreich und Wien für das Frauenwahlrecht einzusetzen begannen. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht der Frauen wurde jedoch erst mit Ausrufung der demokratischen Republik 1918 in Österreich eingeführt. Zum Vergleich: Bereits 1893 waren auf den Cookinseln und in Neuseeland Frauen aktiv wahlberechtigt, 1902 führte Australien als erstes Land der Welt das aktive und passive Wahlrecht für Frauen ein, wobei indigene Frauen ausgeschlossen waren. Als erstes europäisches Land führte Finnland das Frauenwahlrecht ein (1906), als letztes europäisches Land Liechtenstein (1984). Auch heute werden Frauen noch weltweit bei der politischen Mitbestimmung benachteiligt. Die größten Parteien in der k. u. k. Monarchie Gegen Ende des 19. Jh. bildeten sich in der Monarchie die ersten politischen Parteien. Bei der Wahl zum Reichsrat 1911 traten über 70 Parteien an, wobei nicht alle Parteien den Einzug schafften. Die im Reichsrat vertretenen Parteien und Abgeordneten schlossen sich großteils in Klubs (später auch Fraktionen genannt) zusammen. Zusammensetzung der Klubs im Reichsrat nach der Wahl 1911 Bezeichnung Mandate Deutscher Nationalverband (Zusammenschluss mehrerer Parteien) 100 Einheitlicher Böhmischer Klub 84 Christlichsoziale Vereinigung deutscher Abgeordneter 73 Polenklub 70 Klub der deutschen Sozialdemokraten 49 Ukrainischer Verband 28 Koratisch-Slowenischer Klub 27 Klub der böhmischen Sozialdemokraten 25 Unio Latina (Italiener und Rumänen) 21 Klub der polnischen Sozialdemokraten 9 Dalmatiner Klub 7 Klubfreie Abgeordnete 23 Gesamtmandate 516 M2: Statistische Zentralkommission (Hg.): Österreichische Statistik, Neue Folge, Band 7, 1913, S. 13. Die politische Überzeugung der von den deutschsprachigen Österreichern gewählten Parteien gliederte sich in drei Richtungen: Deutschnationale Parteien, die die Sicherung der Lage der „Deutschen“ in der Monarchie und eine Kooperation mit dem Deutschen Reich propagierten, waren meist auch antisemitisch (gegen Jüdinnen und Juden) und antiklerikal (gegen die Kirche) eingestellt. Die konservativ eingestellte Christlichsoziale Partei war katholisch geprägt und hatte Anhänger im städtischen Kleinbürgertum und in der Bauernschaft. Die Sozialdemokraten setzten sich für die Rechte der Arbeiterschaft, Bildung und die Trennung des Staates von der Kirche ein. Jetzt bist du dran: 1. Ordne die in den Artikeln 2, 3, 5 und 6 angeführten Rechte aus der Quelle M1 den Organen zu, die diese Rechte heute in Österreich innehaben. 2. Recherchiere zur Einführung des Frauenwahlrechts auf den Cookinseln, in Neuseeland und Australien. Erörtere die Gründe für die vergleichsweise frühe Einführung. 3. Vergleiche die Zusammensetzung der Klubs im Reichstag von 1911 (M2). Beurteile die Wichtigkeit der politischen Einstellung in Bezug zur Nationalität. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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