Alles Geschichte! 5, Schulbuch

9 In keiner Quelle findet man eine Abbildung oder eine Beschreibung, wozu der Stockschwamm nun tatsächlich verwendet wurde. So muss die Wissenschaft auf Basis des gesicherten Wissens eine These entwickeln und diese mit Fakten belegen. M8 Öffentliche Latrine im römischen Vasio (heute Vaison-la-­ Romaine, Frankreich), erbaut 2. Jh. Lange galt die Lehrmeinung, dass der Gegenstand von den Römerinnen und Römern zur Reinigung des Gesäßes verwendet wurde. Damit einher ging die Vorstellung, dass die hygienischen Zustände in den römischen Latrinen eher abstoßend gewesen seien. Aus den neuesten Erkenntnissen ergeben sich andere Schlussfolgerungen: Da aus einzelnen Quellen hervorgeht, dass der Schwamm vor seiner Benutzung in Salz getränkt wurde, wäre eine körperliche Reinigung damit wohl nicht besonders angenehm gewesen. Außerdem scheint auch die Handhabung des Stocks und des losen Schwamms unpraktisch, wenn nicht sogar unmöglich zur Reinigung des Gesäßes. Laut einer aktuellen Untersuchung dürfte es sich beim Xylospongium vielmehr um ein Gerät gehandelt haben, das man heute als WC-Bürste bezeichnen würde. Die Arbeit mit Quellen – Quellenkritik Wie man anhand dieses Beispiels erkennt, stößt die Geschichtsforschung bei der Deutung vorhandener Quellen an ihre Grenzen, wenn Daten und Fakten fehlen oder Widersprüche auftreten. Der Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft, die mögliche Rekonstruktion der Vergangenheit, hängt somit von den überlieferten Quellen ab. Fasst man aber die Informationen aus einer Quelle oder mehreren Quellen nur zusammen, ohne sie kritisch zu betrachten, können sich verschiedene Probleme ergeben, z. B.: • Nicht jedes historische Ereignis findet überhaupt Eingang in Quellen, erst recht nicht in solcher Form, dass jede Frage an die Vergangenheit beantwortet werden könnte. • Auch Widersprüche können sich beim Studium mehrerer Quellen ergeben. • Oftmals sind Quellen nur nach den Bedürfnissen einer herrschenden Elite entstanden. So gibt es z. B. kaum Quellen über die bäuerliche Bevölkerung im Mittelalter, mit Ausnahme von Verwaltungsschriften. Die Überlieferungssituation ist somit in vielen Bereichen der Geschichte lückenhaft und selektiv. Aus diesen Gründen ist bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Quellen stets zu berücksichtigen, wann die Quelle entstanden ist, zu welchem Anlass und mit welcher Zielsetzung. Quellen müssen kritisch betrachtet werden, um einen Erkenntnisgewinn für die Geschichte zu ermöglichen. Jetzt bist du dran: 1. Definiere in eigenen Worten die Begriffe Quelle und Darstellung, nachdem du das Kapitel gelesen hast. 2. Beschreibe die Schwierigkeiten, die sich ergeben können, wenn Quellen widersprüchlich sind oder nur lückenhafte Deutungen zulassen. 3. Vergleiche anhand des Fotos (M8) die historische Latrine mit Toiletten von heute. 4. Untersuche die Materialien zum Zerfall des Römischen Reiches (M4–M7) und entscheide jeweils, ob es sich um eine Quelle oder um eine Darstellung handelt. 5. Arbeite aus diesen Quellen und Darstellungen (M4–M7) die dort genannten Gründe für den Niedergang Roms heraus. 6. Finde eigene Beispiele für dir bekannte Darstellungen der Geschichte. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlag öbv

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