Alles Geschichte! 5, Schulbuch

49 Demokratie – „Türöffner“ für fatale Volksentscheide? Im Streit um den Sinn von Volksabstimmungen lohnt ein Blick ins antike Hellas. […] Über alle Brüche und Jahrhunderte hinweg gilt uns Griechenland als großes Vorbild. […] Im Jahr 416 v. Chr. belagerte eine athenische Flotte die kleine Kykladeninsel Melos. Schließlich musste sich Melos auf Gnade oder Ungnade ergeben. Die Volksversammlung, das Forum der attischen Demokratie aber beschloss, „alle erwachsenen Melier hinzurichten, soweit sie in ihre Hand fielen, die Frauen und Kinder verkauften sie in die Sklaverei“. Man kann das Verrohung im Kriege nennen. Aber auch Völkermord, begangen von einem Mächtigeren an einem Schwachen. Der Täter war die erste Demokratie der Geschichte. Es war nicht ihr einziger Beschluss, der nicht so recht zu ihrem strahlenden Bild passen will, von der bald darauf folgenden Expedition, die die Metropole Syrakus versklaven sollte, bis hin zum Todesurteil über den Philosophen Sokrates. Auch den glühenden Plebiszit-Anhängern [Anhängern von Volksentscheiden] der Gegenwart könnte es helfen, sich in der griechischen Geschichte umzutun, bevor sie ihre Erfindungen als Allheilmittel der Gegenwart propagieren. M4 Seewald: Die griechische Demokratie erfand den Völkermord, in: Welt, 4.11.2011. Online auf: www.welt.de (3.6.2021). Jetzt bist du dran: 1. Untersuche die Abbildung „Das Zeitalter des Perikles“ (M3). Sie zeigt Perikles, der eine Rede vor der Volksversammlung hält. Arbeite heraus, was sich hinsichtlich politischer Teilhabe aus dem Bild ablesen lässt. 2. Erkläre unter Berücksichtigung von M1, wieso das attische System für die Gegenwart nicht wünschenswert und wohl auch nicht umsetzbar wäre. Beziehe dazu die Informationen aus Kapitel 3.3 ein. Gehe auch darauf ein, wer von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen war. 3. Die Redakteurin Fatina Keilani bezeichnet das antike Griechenland als „Labor westlicher Herrschaftsformen“ (M2). Erkläre, was sie mit dieser Aussage meint. Arbeite heraus, was die Griechen ihrer Ansicht nach aus der Erfahrung mit verschiedenen Herrschaftsformen gelernt haben und welche Anforderungen an Herrschaftsformen sich daraus ergeben. Formuliere abschließend in einem Satz, welche Herrschaftsform aus Sicht Keilanis die beste ist. 4. Arbeite heraus, wie Volksentscheide in den Textausschnitten M4 und M5 bewertet werden. Untersuche, ob die Verfasser die attische Demokratie als Vorbild für heutige Gesellschaften sehen oder nicht. Nimm Stellung dazu, ob du die Einschätzung der Autoren teilst, und nenne Argumente für deine Position. M3 Das Zeitalter des Perikles. Druck, spätere Kolorierung, nach dem Gemälde von Philipp von Foltz (Ausschnitt), 1852 Demokratie in der Antike – Das Volk ist nicht zu dumm Was können wir also im 21. Jahrhundert von den antiken Griechen in puncto Demokratie lernen? […] [D]ass das Volk nicht so dumm ist, wie die Altertumswissenschaftler es gern für Athen annehmen – und wie heute jene glauben, die sagen, wichtige Dinge dürften nicht Thema eines Wahlkampfes werden. Die Athener haben gewiss Fehler gemacht, einmal auch eine ganze Reihe. Aber wer sagt uns, dass Politiker das heute nicht machen? M5 Reiter: In Athen hat wirklich das Volk regiert. Interview mit Althistoriker Meier, in: Stuttgarter Zeitung, 25.1.2013. Online auf: www.stuttgarter-zeitung.de (11.6.2021). Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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