global 8. Geographie und Wirtschaftskunde, Schülerbuch

104 Fallbeispiel Segregation in Städten Segregation in Städten nimmt zu Segregation bezeichnet die räumliche Trennung unterschiedlicher sozialer, ethnischer oder kultureller Gruppen. Ungleiche sozioökonomische Voraussetzungen beeinflussen diesen Prozess maßgeblich. In Städten konzentrieren sich wohlhabendere Menschen in begehrten Vierteln, während Ärmere in den Gebieten leben müssen, in denen andere nicht wohnen wollen. Die soziale Ungleichheit spiegelt sich neben der räumlichen Situation auch in einer ungleichen Verteilung von Einkommen und einem ungleichen Zugang zu Bildung, Gütern, Gesundheit und zum Arbeitsmarkt wider und ist häufig ethnisch begründet. Segregation ist kein Phänomen unserer Zeit, allerdings nehmen die sozialen Ungleichheiten in Städten immer stärker zu und führen vor allem in den benachteiligten Vierteln zu zahlreichen Problemen. Die Kontakt- und Informationsmöglichkeiten beschränken sich häufig auf die Bewohnerinnen und Bewohner der Viertel, es zeichnen sich Tendenzen der Ghettoisierung ab. Auch in europäischen Städten hat die soziale Durchmischung seit Beginn des 21. Jahrhunderts abgenommen, ist im globalen Vergleich aber geringer. Lateinamerikanische Städte – Urbanisierung schafft Ungleichheiten Lateinamerika hat weltweit das stärkste Städtewachstum. Als Folge der starken Landflucht zwischen 1950 und 1980 leben mittlerweile über 80 Prozent der Bevölkerung in Städten. Zwar hat der Urbanisierungsprozess vielen Menschen Arbeit und tendenziell bessere Lebensbedingungen gebracht, häufig hat er aber gravierende soziale und ökonomische Konsequenzen nach sich gezogen. Nirgends auf der Welt sind die sozialen Ungleichheiten so stark wie in lateinamerikanischen Städten. Mit der Hoffnung auf Arbeit strömten viele Menschen in die Städte, allerdings gelang die soziale und ökonomische Integration nur begrenzt. Viele verdienen ihr Geld durch Straßenhandel oder Betteln, und es entstanden informelle Armensiedlungen, auch bekannt als Slums, Favelas oder Barriadas, in denen Lärm, Schmutz und Kriminalität herrschen. Die reicheren Schichten zogen sich als Folge davon in eigene Wohnquartiere zurück, aus denen in den 1990-er Jahren so genannte Gated Communities entstanden. Damit erreichte die Segregation ihren Höhepunkt. Gated Communities Gated Communities sind künstlich angelegte, durch Mauern, Zäune, Tore und Sicherheitssysteme abgegrenzte Viertel in Städten, die es mittlerweile rund um den Globus verteilt gibt. In lateinamerikanischen Metropolen wie Sao Paolo, Buenos Aires und Santiago de Chile boomen Gated Communities und sind nicht mehr nur abgegrenzte Wohnviertel, sondern bieten neben Häusern und Wohnungen auch Einkaufszentren, verschiedene Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen, Schulen, Kinderbetreuungsstätten und diverse Freizeitstätten, vom Schwimmbad bis zum Golfplatz, die nur den Bewohnerinnen und Bewohnern der Community zur Verfügung stehen. Dies entspricht dem steigenden Wunsch nach sozialer Abgrenzung und Exklusivität. Der Wunsch nach Sicherheit spielt in Städten mit tatsächlich hoher oder durch die Medien vermittelter gefühlt hoher Kriminalitätsrate eine maßgebliche Rolle. Die im spanischen Sprachraum genannten Barrios Cerrados werden hauptsächlich von der Oberschicht und teilweise der Mittelschicht besiedelt. Im Umland einiger Städte entstehen sogar ganze abgegrenzte Städte, so genannte Gated Cities (im Spanischen Ciuadades Valladas), die ebenfalls nur bestimmten Schichten vorbehalten sind und dem zunehmenden Sicherheitsbedürfnis entsprechen. Segregation als Folge der Globalisierung? Im Kontext der Globalisierung wird nach dem Vorbild des Neoliberalismus Raumordnung in vielen lateinamerikanischen Städten zunehmend dem freien Markt überlassen, während sich der Staat immer stärker zurückzieht. Der Immobilienmarkt boomt und wird immer mehr von global agierenden Unternehmen dominiert. In Piedra Roja, einer Gated Community in der Nähe von Santiago de Chile, sind beispielsweise Maklerbüros und Firmen mit deutscher Beteiligung vertreten. Die geteilte Stadt Gated Communitys sind nichts anderes als die individuelle Lösung für kollektive Bedürfnisse, die der Staat nicht befriedigt. Das führt zu hohen Kosten und Risiken für die Mehrzahl der Bürger. Nur der Staat selbst könnte dies durch eine bessere Politik ändern: Er muss zentrale Grundgüter für alle sicherstellen. Dafür muss er die im weltweiten Vergleich geringen Staatseinnahmen erhöhen und die systemische Korruption ausmerzen. Mit einem transparenten Steuersystem und einer unabhängigen Justiz könnte ihm dies gelingen. Dies benötigt die Einleitung grundlegender Reformen in beiden Bereichen. Gewiss würden die sozialen Ungleichheiten nicht von heute auf morgen verschwinden. Die Maßnahmen gäben den jungen Demokratien aber eine Chance, dass ihre von Mauern, Zäunen und Schranken gespaltenen Gesellschaften wieder einen Zusammenhalt finden. (Auszug aus: https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/ blick-in-die-wohnzimmer-dieser-welt-die-geteilte-stadtld.117780, Nicole Anliker, 21. 9. 2016, abgerufen am 5. 4. 2018) M1 Soziale Ungleichheit in Südamerika Kompetenzorientierte Lernziele Vielfalt der subjektiven Wirklichkeiten in Städten vergleichen soziale Differenzen in urbanen Räumen analysieren Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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