sprachreif 3/4, Schülerbuch

54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 In vier Epochenabschnitten von 1982 bis 2015 zeichnet die Autorin exemplarisch das Bild einer Frau, die von der Gesellschaft trotz bestem Willen ihrerseits permanent niedergerungen wird. Zugleich erzählt der Roman von der Geschichte Südkoreas: vom Hochgeschwindigkeitsaufbruch des Landes in eine kapitalistische Leistungsgesellschaft. Eine aus westlicher Perspektive immer wieder gefeierte Entwicklung, die aber nicht zuletzt auf dem Rücken der südkoreanischen Frauen ausgetragen wurde (im Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums von 2020 belegt Südkorea den 108. von 153 Plätzen). Das beginnt bereits bei Jiyoungs Geburt: Cho NamJoo beschreibt eine Mutter, die sich vor der ganzen Familie für ihr „Versagen“ rechtfertigen muss, keinen Sohn geboren zu haben. Als Jiyoungs Mutter nach ihr wieder mit einem Mädchen schwanger ist, entschließt sie sich zur Abtreibung. Der darauf folgende Sohn wird von den Eltern verhätschelt wie ein Prinz, bekommt als Erster ein eigenes Zimmer, später müssen seine beiden Schwestern arbeiten, um ihm das Studium zu finanzieren. Bei der Jobsuche muss Jiyoung sich sexuelle Anspielungen in Bewerbungsgesprächen gefallen lassen, später dann dabei zusehen, wie die männlichen Kollegen befördert werden, während die Frauen mit ihrem „Schwangerschaftsrisiko“ auf der Strecke bleiben. Die Männer nehmen die Ungerechtigkeiten ratlos bis gleichgültig hin Dem gegenüber stehen die Männer, die in diesem Buch nur selten als bewusst feindselig auftreten, aber den Alltag ihrer Töchter, Frauen und Kolleginnen, die sexuellen Belästigungen und himmelschreienden Ungerechtigkeiten ratlos bis gleichgültig hinnehmen. Besonders deutlich wird das bei Jiyoungs Ehemann Daehyon, der seine Frau zwar vor den Erwartungen seiner Eltern in Schutz nimmt, letztendlich aber doch auf Kinder drängt, obwohl er weiß, dass ein Baby in der südkoreanischen Gesellschaft für eine Frau mit großer Wahrscheinlichkeit das Ende ihrer Karriere bedeutet. Wohl um dem Vorwurf zu begegnen, hier ein allzu düsteres, realitätsfernes Bild zu zeichnen, verwebt die Autorin Jiyoungs Geschichte mit Fakten aus Studien inklusive Belegen in Form von Fußnoten. So erfahren wir etwa, dass im Jahr 2014, als Jiyoung wegen ihres Kindes ihren Job aufgibt, jede fünfte Frau einen ähnlichen Schritt machte. Cho Nam-Joo will ihr Buch explizit nicht nur als Kunstwerk, sondern als einen Debattenanstoß verstanden wissen. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ erschien 2016 in Südkorea, im selben Jahr, in dem der frauenfeindlich motivierte Mord an einer 34-Jährigen für Empörung sorgte. Der Roman, der sich im Land mehr als 1,3 Millionen Mal verkaufte, wurde Teil einer Art südkoreanischen #MeToo-Bewegung – inklusive antifeministischer Gegenreaktionen wie die eingangs erwähnten Anfeindungen gegen den K-PopStar Irene. Arbeiten für die Volkswirtschaft, nicht für die Emanzipation Interessant ist hierbei auch, dass Cho Nam-Joo in ihrem Buch nicht nur nüchtern das Leid der Frauen thematisiert, sondern auch deren Verknüpfung mit den Ansprüchen einer Volkswirtschaft, die im Zuge ihres rasanten Wachstums das Kapitel „Sozialstaat“ übersprungen zu haben scheint. Und in der die Einbindung der Frauen als Arbeitskräfte nur bedingt emanzipatorisch motiviert war: Nicht nur althergebrachte Rollenbilder und Familientraditionen lasten auf den südkoreanischen Frauen, sondern auch die wirtschaftliche Not, als Hausfrau mit Nebenjobs Geld verdienen zu müssen. Oder als Schwangere bis kurz vor der Entbindung zu arbeiten, nur um in der U-Bahn auf der Fahrt zum Büro als Rabenmutter beleidigt zu werden. Die Ungerechtigkeit steckt in „Kim Jiyoung, geboren 1982“ immer auf beiden Seiten, sowohl in der alten als auch in der neuen, vermeintlich fortschrittlicheren Welt. Alltägliche Abgründe, die sich mit individueller Psychotherapie allein nicht zuschütten lassen. Und an denen Frauen weiterhin tagtäglich zerbrechen. Nicht nur in Südkorea. QUELLE: https://www.fluter.de/kim-jiyoung-geboren-1982-rezension; (abgerufen am 04.02.2022) 96 98 100 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 223 Literarische Bildung Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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