sprachreif 3/4, Schülerbuch

„Think-Power“ – Von den Inhalten der Literatur von und für Frauen Frauenliteratur polarisiert – gewollt oder ungewollt – immer noch häufig die Gesellschaft, dabei ist nicht jedes Werk, dass das Leben von Frauen behandelt, oder von einer weiblichen Autorin verfasst worden ist, automatisch als Streitschrift zu verstehen. Dass Literatur, welche Frauen in den Mittelpunkt rückt, immer noch häufig für Aufregung sorgt, zeigt deutlich, wie viel Aufholbedarf es in diesem Bereich noch gibt. A27 Lesen Sie den Auszug aus Nam-Choos Roman Kim Jiyoung, geboren 1982, der in Korea zu einer feministischen Protestbewegung führte und international für Aufsehen sorgte. Diskutieren Sie anschließend mit Ihrer Sitznachbarin oder Ihrem Sitznachbarn darüber, ob Sie Textstellen ausmachen, die polarisierend wirken könnten. Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982 Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, 34 nach koreanischer Zählung, denn in Korea gilt ein Kind in seinem Geburtsjahr bereits als einjährig und wird am darauffolgenden Neujahrstag zwei. Sie hat vor drei Jahren geheiratet und letztes Jahr eine Tochter geboren. Mit ihrem Mann Chong Daehyon und der Tochter Chong Ziwon lebt sie in einer achtzig Quadratmeter großen Mietwohnung am Stadtrand von Seoul, die Teil einer riesigen Wohnanlage ist. Jiyoung war bis zur Geburt des Kindes bei einer Marketingfirma angestellt. Daehyon arbeitet in einem mittelständischen IT-Unternehmen. Er kommt meist kurz vor Mitternacht von der Arbeit nach Hause und geht auch am Wochenende mindestens einmal ins Büro. Jiyoungs Schwiegereltern leben in Busan, im Süden des Landes, ihre eigenen Eltern betreiben ein Restaurant, weshalb Jiyoung bei der Betreuung ihres Kindes auf sich allein gestellt ist. Zumindest vormittags geht die kleine Ziwon in eine private Kinderkrippe im Erdgeschoss des Wohnkomplexes, und das schon seit ihrem ersten Geburtstag im letzten Sommer. Am 8. September fiel Jiyoung zum ersten Mal durch sonderbares Verhalten auf. Daehyon erinnert sich ganz genau, weil es an Baegno war, dem Tag des ersten Morgentaus. Während er Toastbrot und Milch frühstückte, ging seine Frau plötzlich zum Balkon und öffnete das Fenster. Die Sonnenstrahlen waren zwar so herrlich, dass er blinzeln musste, aber die kalte Luft zog bis zu seinem Platz am Tisch herüber. Mit hochgezogenen Schultern kam seine Frau zum Esstisch zurück und setzte sich. Dann sagte sie: „Ich fand den Wind schon in den letzten Tagen ziemlich frisch, und prompt ist heute Baegno. Bestimmt sind die reifen gelben Reisfelder mit einer weißen Tauschicht überzogen.“ Daehyon lachte, denn der Tonfall seiner Frau passte irgendwie nicht zu einer so jungen Person. „Was ist los mit dir? Du klingst schon wie deine Mutter.“ „Ab jetzt solltest du immer eine leichte Jacke dabeihaben, mein Schwiegersohn. Früh und abends ist es nicht mehr warm.“ Bis dahin dachte Daehyon, dass seine Frau sich einen Spaß mit ihm erlaubte. Wie sie das rechte Auge leicht zukniff und die Silben von ›Schwiegersohn‹ in die Länge zog, entsprach haargenau der Art, mit der ihre Mutter ihn um einen Gefallen bat oder ihm einen Ratschlag erteilte. Bereits in den Tagen zuvor hatte seine Frau, wohl müde von der Betreuung des Kindes, des Öfteren geistesabwesend in die Luft gestarrt und beim Musikhören hin und wieder ein paar Tränen vergossen. Für gewöhnlich war sie heiter, lachte viel und liebte es, Sketche aus Comedy-Sendungen zum Besten zu geben, wodurch sie ihren Mann häufig zum Lachen brachte. Daehyon hielt ihr Verhalten folglich für nichts Besonderes, umarmte kurz seine Frau und ging zur Arbeit. Als er in jener Nacht aus dem Büro zurückkam, fand er Frau und Tochter einträchtig nebeneinander schlafend vor. Beide nuckelten an ihrem Daumen. Die Szene war gleichermaßen rührend wie grotesk, und er betrachtete die beiden eine ganze Weile, bevor er am Arm seiner Frau zog, damit der Finger aus dem Mund glitt. Wie bei einem Baby stand nun ihre Zunge ein wenig zwischen den Lippen hervor, und sie schmatzte ein paarmal. Dann sank sie wieder in einen tiefen Schlaf. QUELLE: Nam-Joo, Cho: Kim Yiyoung, geboren 1982. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021, S. 7-8. A28 Recherchieren Sie zur Autorin Cho Nam-Joo und notieren Sie, was Sie herausfinden. B 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 221 Literarische Bildung Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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