Es ist bewiesen, dass Erwachsene beim Spielen mit Mädchen und Buben unterschiedlich agieren. Das liegt daran, dass gewisse Denkmuster sehr tief sitzen. Burschen „dürfen“ tendenziell immer noch wilder spielen als Mädchen. Wenn Eltern das Geschlecht ihres Kindes nicht verraten, wollen sie vermeiden, dass bestimmte Rollenmuster (ungewollt) auf die Kinder übertragen werden. Es ist wichtig, aufmerksam gegenüber den Einflüssen zu sein, die eine Zuordnung zu einem Geschlecht mit sich bringt. Laut einer Studie googeln Eltern von Buben doppelt so oft, ob ihr Kind ein Genie sei. Es wirkt sich tragisch auf die Entwicklung von Mädchen aus, wenn man ihnen nicht dieselbe Anerkennung zukommen lässt und eher darauf achtet, dass sie sich artig und still verhalten. Die Dekanin für Psychologie der Universität Wien, Barbara Schober, sieht in der geschlechtsneutralen Erziehung kein Allheilmittel, weil niemand völlig isoliert von seiner Umwelt leben könne. Geschlechtsneutrale Erziehung könne sich aber positiv auswirken, weil sich Kinder erst später mit typischen Klischees konfrontiert sähen. Wahrscheinlich ist es so, dass ein Bub, der in der Öffentlichkeit einen rosa Rock trägt, gesellschaftlichem Druck ausgesetzt ist. Es ist einerseits die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder bestmöglich zu schützen, andererseits ist es wichtig, dass sie ihre Kinder selbstbewusst erziehen, damit diese ihre Neigungen ausleben können. Wünschenswert wäre eine Gesellschaft, in der die Kleidung nichts über das Geschlecht aussagt und getragen werden kann, was gefällt. Nachdenklich stimmt die Äußerung Schobers, dass es zum Ausbilden einer Identität die Zuordnung zu Kategorien braucht. Interessant ist, dass für Kinder die Kategorie Geschlecht von hohem Stellenwert ist, was sicher auch biologische Gründe hat. Nichtsdestotrotz muss die Kategorie Geschlecht nicht durch die rosa Glitzerwelt auf der einen und die blaue Action-Welt auf der anderen Seite bestimmt sein. Kinder sollen nicht nur ein Gefühl von Chancengleichheit haben, sondern diese auch leben dürfen. Geschlechtsneutrale Erziehung trägt sicherlich viel dazu bei, jene Gräben zu überwinden, die sich durch das Übertragen veralteter Rollenklischees auftun. Geschlechtsneutrale Erziehung allein ist zwar keine Zauberformel und sie bringt neben vielen Erfolgen sicher auch einige Herausforderungen für Eltern wie auch Kinder mit sich, vor allem weil der Prozentsatz jener Eltern, die sich für diese Art der Erziehung entscheiden, noch sehr klein ist. Trotzdem wird Kindern dadurch – im wahrsten Sinne – mehr Spielraum geboten, wodurch im besten Fall verhindert werden kann, dass Rollenklischees unhinterfragt übernommen werden. Kinder Schritt für Schritt von der binären Geschlechterkultur zu befreien ist insofern zukunftsweisend, als es zu einer offeneren, humaneren Gesellschaft beitragen wird. (748 Wörter) A21 Bewerten Sie als Gruppe die Umsetzung der in A20 genannten Bausteine. Ist die Erörterung insgesamt gut gelungen und die Argumentation schlüssig? Machen Sie sich dazu in Ihren Unterlagen Notizen. A22 Die Erörterung ist ein wenig zu lange geraten. Die eigentliche Textlänge sollte zwischen 540 und 660 Wörtern liegen. Streichen Sie verzichtbare Aussagen und minimieren Sie so die Wortanzahl. A23 Ist eine eindeutige Haltung der Verfasserin bzw. des Verfassers der Erörterung zum Thema auszumachen? Wenn ja, welche? Sprechen Sie mit Ihrer Sitznachbarin bzw. Ihrem Sitznachbarn. C B 219 Schriftliche Kompetenz Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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