sprachreif 3/4, Schülerbuch

AUF DEM WEG ZUR MATURA Thema: Die eigene Identität selbst finden – geschlechtsneutral erziehen A19 Verfassen Sie eine Erörterung. Lesen Sie die Reportage Eltern: „Nicht nach den Genitalien unseres Kindes fragen“ und bilden Sie sich eine Meinung zum Thema. Bearbeiten Sie folgende Arbeitsaufträge: • Geben Sie kurz den wesentlichen Inhalt der Reportage wieder. • Erklären Sie die Absichten, die Eltern mit einer geschlechtsneutralen Erziehung verfolgen. • Bewerten Sie Schobers Ausführungen dazu, dass sich Kinder auf der Suche nach Identifikation tendenziell zu Kategorien wie dem Geschlecht zuordnen wollen, im Kontext der geschlechtsneutralen Erziehung. Schreiben Sie zwischen 540 und 660 Wörter. Markieren Sie Absätze mittels Leerzeilen. 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 nen lieb ist. Viele Eltern beteuern, dass es für Buben und Mädchen beim Spielzeug alle Optionen geben soll. Aber fragt man sie, was sie letztlich kaufen, ist es häufig hochgradig geschlechtsspezifisch.“ Noch nicht in der Öffentlichkeit angeeckt ist Leonie, Mutter eines 14 Monate alten Sohnes, die sich in der Wiener Initiative Kigebe (Kinder gendersensibel ins Leben begleiten) engagiert. Sie hat ihrem Sohn zwar keinen Unisex-Namen gegeben, lebt ihm gemeinsam mit dem Vater aber ganz bewusst vor, dass beide gleichwertig für die Familie zuständig sind: „Unser Kind soll nicht in Klischees aufwachsen und seine Identität selbst aufbauen.“ Beide sind konsequent gleichwertige Ansprechpartner, egal, ob es ums Trösten oder Hausarbeit geht. Auch das ist nicht selbstverständlich, wie Zeitverwendungsstudien zeigen. Für Sascha Verlan, Autor des Buches Die Rosa-­ Hellblau-Falle und Vater von drei Kindern, geht es nicht darum, das Geschlecht seiner Kinder aufzuheben, sondern sensibel und aufmerksam zu sein für die Einflüsse und Einordnungen, die Kinder erleben. Er findet die Bezeichnung geschlechtsneutral daher schwierig: „Kinder sollen das Gefühl haben, dass sie alles ausprobieren und machen können, weil sie sind, was sie sind, und nicht obwohl.“ Sie sollten Freiräume haben, damit sie machen und entdecken können, wofür sie sich wirklich interessieren und sich nicht von außen einreden lassen, irgendetwas sei nicht für sie oder untypisch. Grenzen des Engagements Weil Stereotype in der Gesellschaft so tief sitzen, sieht Psychologin Barbara Schober Grenzen in der geschlechtsneutralen Erziehung. Sie glaubt nicht, dass man im Alltag alle Geschlechterklischees lösen kann: „Es ist ein interessanter Versuch und soll positiv wirken, weil die Kinder früh in ihrer Rollenvielfalt gestärkt werden. Allerdings leben sie nicht in einem isolierten Universum. Es ist die Frage, wie lange sich diese Erziehung aufrechterhalten lässt, vor allem, wenn die Kinder älter werden. Ein Bub kann und sollte mit einem Blumenkleid auf die Straße gehen, wenn er das möchte, aber eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema braucht es schon.“ Zu bedenken sei außerdem, dass sich Kinder selbst einordnen: „Sie suchen auch nach Identifikation, und Geschlecht ist für sie eine sehr sichtbare und klare Kategorie in unserer Gesellschaft“, so die Psychologin. Das sei grundsätzlich auch nicht problematisch, wenn Eltern auch andere Identifikationskategorien als männlich oder weiblich anbieten. Wie wollen die Eltern von Alex damit umgehen, falls sich ihr Kind so eine einfache Kategorie aussucht oder später erfährt, dass Fremde auf das Aussehen reagieren? „Wir vertrauen darauf, dass Alex spätestens bis zum Schulalter die eigene Identität schon gefunden hat und damit umgehen können wird.“ Für die Zeit davor haben sie jedenfalls schon vorgesorgt – und ihr Kind in einem Kindergarten angemeldet, der auf ihre Erziehung Rücksicht nimmt. QUELLE: https://www.derstandard.at/story/2000100447919/eltern-nicht-nach-den-genitalien-unseres-kindes-fragen; (abgerufen am 01.02.2022) 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 106 108 110 112 217 Schriftliche Kompetenz Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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