Literaturräume, Schulbuch [Prüfauflage]

63 Renaissance, Reformation, Humanismus (1450–1600) phern des täglichen Sprachgebrauchs anders deutet als seine Gesprächspartner und sie meist wörtlich nimmt, stiftet er Verwirrung. Lesen Sie einen Aus­ schnitt in einer neuhochdeutschen Fassung. Till Eulenspiegel in Hamburg Einst kehrte Eulenspiegel im „Roten Löwen“ ein und verlangte kurz und barsch für sein Geld eine gute Suppe, forderte dann auch noch ein Stück gebratenes Rindfleisch und Gemüse für sein Geld und ließ sich alles trefflich schmecken. Der Löwenwirt machte einen höflichen Bückling über den andern und fragte, ob dem Herrn auch ein Glas Wein beliebe. „Freilich ja“, antwortete Eulenspiegel, „wenn ich für mein Geld etwas Gutes haben kann.“ Der Wein war gut, und Till trank ihn mit großem Behagen, schnalzte mit der Zunge und wischte sich den Mund, wie einer, dem es trefflich geschmeckt hat. Dann zog er einen Kupferpfennig aus seiner Tasche und sagte: „Da, hier, Herr Wirt, nehmt mein Geld!“ Der Löwenwirt machte große Augen und wusste lange nicht, ob er es für Ernst oder Scherz nehmen sollte. Als Till aber ganz unbefangen Miene machte davon- zugehen, vertrat er ihm den Weg und sagte: „Was soll das heißen? Ihr seid mir einen Doppelschilling schuldig und gebt mir einen lumpigen Pfennig.“ „Ich habe für keinen Doppelschilling Speise von Euch verlangt, Herr Wirt, sondern für mein Geld“, versetzte Eulenspiegel. „Hier ist mein Geld, mehr habe ich nicht, und habt Ihr mir zuviel dafür gegeben, so ist’s Eure eigene Schuld.“ „Ihr seid ein durchtriebener Schalk“, erwiderte der Löwenwirt, „und hättet wohl etwas anderes verdient. Indessen, ich schenke Euch die Mahlzeit und diesen Schilling noch dazu, nur schweigt von der Geschich- te und geht morgen zum Bärenwirt gegenüber und macht es mit dem ebenso!“ Till steckte schmunzelnd das dargebotene Geldstück ein, dann griff er nach der Tür, wünschte dem Wirt einen guten Tag und sagte: „Bei Eurem Nachbarn, dem Bärenwirt, bin ich schon gestern gewesen, und der gerade hat mich zu Euch geschickt. Damit Ihr aber Euer Geld nicht nutzlos vergeudet habt, hört meinen Rat: Vertragt Euch mit Eurem Nachbarn und merkt Euch das Sprüchlein: Wo zwei sich stritten, erfreut es nur den dritten!“ Erläutern Sie, auf welcher von Eulenspiegel wörtlich und ernst genommenen, vomWirt aber wie allgemein üblich als metaphorische Redens­ art interpretierten Redewendung die Verwirrung des Wirtes und der Witz der Episode beruhen. 4 „Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann Feind wird.“ Thomas Müntzer: „Hochverursachte Schutzrede“ und „Manifest an die Mansfelder Bergknappen“ (1525) Die harte soziale Lage Zwei Missernten 1523 und 1524 spitzen die soziale Lage in Deutschland zu. Die Masse der Bauernschaft hat nur Kleinstbesitz an Land und ist überdies weltlichen oder geistlichen Grund- und Gerichtsherren in Leibeigen­ schaft verpflichtet. Schnell nehmen im 16. Jahrhundert auch die gänzlich besitzlosen Schichten zu. Sie machen in den Städten oft 50% der Bevölkerung aus. Auch die soziale Lage vieler Handwerker ist schlecht. Revolten brechen aus, vor allem im Süden Deutschlands. Die Bauern fordern eine Befreiung von den drückendsten Lasten. Stattgegeben wurde ihren Forderungen nicht. Die Aufstände der Bäuerinnen und Bauern fordern etwa 100.000 Menschenleben. Kontra Luthers Appell zur Mäßigung Müntzers „Schutzrede“ wurde gegen die Distanzie­ rung Luthers von den Bauernaufständen verfasst. Müntzer hatte in den Städten, wo es unabhängig von ihm bereits Revolten gegeben hatte, nicht den er­ 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 Aufgabe Überblick Fundament Leseraum Maturaraum Zusammen­ fassung Literatur­ übersicht Grenzenlos Fokus Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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