Literaturräume, Schulbuch [Prüfauflage]

62 Renaissance, Reformation, Humanismus (1450–1600) erreicht werden könne, ist ein wichtiges Kennzeichen des Humanismus. Einsicht ist der erste Weg zur Besse­ rung: „Denn wer sich für ein narren acht / der ist bald zu eim weisen gemacht.“ Lesen Sie Auszüge aus dem letzten Kapitel, „Von schlechten Sitten bei Tische“. Sie sind in unsere Standardsprache übertragen. Bei Tisch begeht man Grobheit viel, / Die zähl man auch zum Narrenspiel, / Von der zuletzt ich sprechen will. […] Sie waschen ihre Hände nicht, Wenn man die Mahlzeit zugericht’t, Oder wenn sie sich zu Tische setzen, Sie andre in dem Platz verletzen, Die vor ihnen sollten sein gesessen; Vernunft und Hofzucht sie vergessen, Dass man muss rufen: „Heda, munter, Mein guter Freund, rück weiter runter! Lass den dort sitzen an deiner Statt!“ Ein andrer nicht gesprochen hat Den Segen über Brot und Wein, Eh er bei Tische Gast will sein; Ein andrer greift zuerst in die Schüssel Und stößt das Essen in den Rüssel Vor ehrbarn Leuten, Frauen, Herrn, Die er vernünftig sollte ehrn, Dass sie zum ersten griffen an Und er nicht wär zuvorderst dran. Der auch so eilig essen muss, Dass er so bläst in Brei und Mus, Strengt an die Backen ungeheuer, Als setzte er in Brand ’ne Scheuer 1 . Mancher beträuft Tischtuch und Kleid, Legt auf die Schüssel wieder breit, Was ihm ist ungeschickt entfallen, Unlust bringt es den Gästen allen. Andre hinwieder sind so faul, Wenn sie den Löffel führen zum Maul, Dann hängen sie den offnen Rüssel So über Platte, Mus und Schüssel, Dass, fällt ihnen etwas dann darnieder, Dasselbe kommt in die Schüssel wieder. Etliche sind so naseweise: Sie riechen vorher an der Speise Und machen sie den andern Leuten Zuwider, die sie sonst nicht scheuten. Etliche kauen etwas im Munde Und werfen das von sich zur Stunde Auf Tischtuch, Schüssel oder Erde, Dass manchem davon übel werde. […] Bestimmen Sie in Brants Kritik folgende Aspekte: nötige Respektierung von Rangunter­ schieden, Hygiene, Peinlichkeit und Ekel, Gier, religiöse Formen! 3 Ein Narr findet Eingang in die Weltliteratur „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“ (1515) Wer ist Till Eulenspiegel? Angeblich ist er in Mölln im Norden Deutschlands 1350 gestorben, Dil Ulenspiegel. Ob er tatsächlich eine his­ torische Person ist, bleibt unklar. Niederdeutsch „ulen“ bedeutet kehren, fegen, „Spiegel“ steht in der Jäger­ sprache für Hinterteil. Der Name dürfte also eher ein bildhafter Ausdruck dafür sein, was Eulenspiegel will: die Leute dank seines Witzes „reinigen“ – von Dumm­ heit, Lastern, üblen Gewohnheiten. Charakteristisch für Till Eulenspiegel, so die Übertragung des Namens ins Hochdeutsche, ist sein Spiel mit der Mehrdeutig­ keit der Sprache. Indem Till die Formeln und Meta­ 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 1 Scheune Aufgabe Titelblatt der ersten Auflage von „Till Eulenspiegel“, Holzschnitt, 1515 Überblick Fundament Leseraum Maturaraum Zusammen­ fassung Literatur­ übersicht Grenzenlos Fokus Nur zu Prüfzwe ken – Eigentum des Verlags öbv

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