Literaturräume, Schulbuch [Prüfauflage]
60 Renaissance, Reformation, Humanismus (1450–1600) ter) , „Die Schildbürger“ (1598) oder die „Historie von dem gehörnten Siegfried“, die den Siegfried-Stoff mit Artusmotiven vermengt, werden populär. Der Meistersang Der Aufschwung von Handel und Handwerk im 15. Jahr hundert begünstigte auch die Entfaltung des kulturel len Lebens in den Städten. Die Handwerker pflegten eine eigene Art von Dichtung, den „Meistersang“, ohne Musikbegleitung vorgetragene Lieder. Diese „Meister singer“ sahen sich als Nachfahren der Minnesänger des Mittelalters, unter denen sie besonders Walther von der Vogelweide schätzten. Fixe Regeln für Text und Vortrag sollten das Dichten erlernbar machen. Der bedeutends te Meistersinger, Hans Sachs (1494–1576), dem wir eine frühe Fassung des Motivs vom „Schlaraffenland“ ver danken (5) , wirkte in Nürnberg. Er schrieb nicht nur Tau sende von Meisterliedern, sondern auch viele Komödi en, Fastnachtsspiele, Schwänke und Flugblatttexte im Dienst der Reformation. Der Leseraum 1 Bildung statt Saufbrüder Erasmus von Rotterdam: „Der Abt und die gelehrte Frau“ (1526) Gescheite Frauen, dumme Äbte Schüler, Mönche, Kaufleute, selbstbewusste Frauen und Dirnen treten in Erasmus von Rotterdams „Collo quia familiaria“ – „Vertraute Gespräche“ auf. 81 Dialoge befassen sich mit Fragen der Bildung, des Verhaltens in der Gesellschaft, Missständen im Klerus. Der folgen de Abschnitt stammt aus dem satirischen Dialog „Der Abt und die gelehrte Frau“. Abt Antronius besucht die Dame Magdalia und wundert sich, dass ihre Wohnung voller Bücher ist. Antronius: Ich möchte nicht, dass meine Mönche häufig über den Büchern säßen. Magdalia: Mein Mann jedoch ist sehr dafür. Aber warum bist du denn bei den Mönchen dagegen? Antronius: Weil ich merke, dass sie dann weniger unterwürfig sind: rasch sind sie mit Antworten aus […] Petrus und Paulus zur Hand. Magdalia: Du verlangst also von ihnen Dinge, die mit Petrus und Paulus in Widerspruch stehen? Antronius: Was bei denen steht, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich nicht gern einen Mönch, der freche Antworten gibt; und ich möchte auch nicht, dass einer meiner Untergebenen gebildeter ist als ich. Magdalia: Das wäre zu vermeiden, wenn du danach strebtest, selbst möglichst gebildet zu sein. Antronius: Dazu fehlt mir die Zeit. Magdalia: Wieso? Antronius: Weil ich sie nicht habe. Magdalia: Du hast keine Zeit, dich zu bilden? Antronius: Nein. Magdalia: Was hindert dich? Antronius: Ausgiebiges Beten, Besorgung des Hauswesens, Jagden, Pferde und der Dienst bei Hof. Magdalia: Dann ist dir das also wichtiger als Bildung? Antronius: Das pflegt bei uns so zu sein. […] Magdalia: Hältst du den für einen Menschen, der weder Bildung besitzt noch sie haben will? […] Antronius: Die Bücher rauben den Frauen viel von ihrem Verstand, und sie haben ohnehin zu wenig. Magdalia: Wie viel ihr Männer habt, weiß ich nicht. Ich möchte jedenfalls das wenige, das ich habe, lieber für ordentliche Studien verwenden als für das sinnlose Hersagen von Gebeten, für nächtelange Trinkgelage und das Leeren riesiger Humpen. Antronius: Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand. Magdalia: Und das Gerede von Saufbrüdern, Possenreißern und Hanswursten bringt dich nicht um den Verstand? Antronius: Nein, es vertreibt die Langeweile. […] Irgendwie ist es doch so: Wie ein Sattel nicht zum Ochsen, so passt die Bildung nicht zur Frau. 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 Überblick Fundament Leseraum Maturaraum Zusammen fassung Literatur übersicht Grenzenlos Fokus - Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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