Erziehung und Unterricht 2018/3+4
216 Rohrbach, „Besatzungskinder“ – Die Kinder alliierter Soldaten und österreichischer Frauen Erziehung und Unterricht • März/April 3-4|2018 Zusammenfassung Obwohl zwischen 1945 und 1956 mindestens 20.000 Personen als Kinder alliierter Soldaten geboren worden sind, wurde ihre Lebensgeschichte lange Zeit tabuisiert und aus dem kol- lektiven Gedächtnis der Zweiten Republik ausgeblendet. Das hängt damit zusammen, dass sich große Teile der österreichischen Nachkriegsgesellschaft ihnen und ihren Müttern ge- genüber ausgrenzend und feindselig verhielten. Die Mütter und ihre Kinder wurden – ganz in der Logik einer postnationalsozialistischen Gesellschaft verfangen – als Beziehungs- partnerinnen und Kinder des „Feindes“ betrachtet. Große Teile ihres Umfelds, der Behörden aber häufig auch eigene Familienmitglieder lehnten sie aus nationalistischen, moralischen und/oder rassistisch motivierten Gründen ab. Diese Logik wirkte auch noch lange nach dem Abzug der alliierten Truppen im Jahr 1955 nach. Isoliert und ohne Referenzgruppe mussten die Kinder alliierter Soldaten ihre Schicksale oft sehr individuell meistern. Oft ohne Vater aufwachsend, wurde die Ablehnung, die den Müttern der „Besatzungs- kinder“ gegenüber an den Tag gelegt wurde, auf sie übertragen. Um sich selbst und die Kinder zu schützen, versuchten die Mütter häufig die wahre Herkunft der Väter geheim zu halten. Sie reagierten ablehnend, wenn die Kinder sie nach den Vätern befragten oder hat- ten nicht genug Informationen, um Fragen, die an sie gestellt wurden, befriedigen zu be- antworten bzw. die Kinder bei ihrer Suche zu unterstützen. Zusätzlich erschwert wurde ihre Lage durch fehlende Dokumentation in österreichischen und internationalen Archiven oder durch Archivsperrfristen. Auch wenn die Diskriminierung der Kinder alliierter Soldaten in späteren Jahren, z. B. durch deren Eintritt ins Berufsleben abnahm, blieben Schrammen, Narben und Wunden zurück. Die Frage nach der Identität des Vaters und somit der eigenen Identität blieb für sie stets ein aktuelles Thema, das sie häufig auch noch bis in die Gegenwart beschäftigt. ANMERKUNGEN 1 Der Artikel erschien im Wiener Kurier vom 4.05.1949 und ist im vorliegenden Text nach: Putz, Johannes: Zwischen Liebe und Business. Ö s terreicherinnen und amerikanische GIs in der Besatzungszeit, Diplomarbeit, Salzburg 1995, S. 3, zitiert. 2 Salzburger Landesarchiv, Abteilung III, 1956 50-2/9, Schreiben des Amts der Vorarlberger Landesregierung an das Amt der Salzburger Landesregierung bezüglich Unterlagen für farbige Soldatenkinder, 19.11.1955. 3 Sämtliche Interview-Passagen stammen aus: Interview mit Linda O., durchgeführt von Philipp Rohrbach und Marion Krammer, 14.11.2013, Transkription: Tanja Kuschej, Sammlung Lost in Administration. LITERATUR Bauer, Ingrid: Welcome Ami Go Home: die amerikanische Besatzung in Salzburg 1945–1955; Erinne- rungslandschaften aus einem Oral-History-Projekt. Salzburg, München 1998. Bauer, Ingrid: „Leiblicher Vater: Amerikaner (Neger)“ Besatzungskinder österreichisch-afroamerikani- scher Herkunft, in: Niederle, Helmuth A.; Davis-Sulikowski, Ulrike; Fillitz, Thomas (Hg.): Früchte der Zeit. Afrika, Diaspora, Literatur und Migration , Wien 2001, S. 49-67. Baur-Timmerbrink, Ute: Wir Besatzungskinder. Töchter und Söhne alliierter Soldaten erzählen, Berlin 2015. Brunnhofer, Regina: Liebesgeschichten und Heiratssachen. Das vielfältige Beziehungsgefecht zwi- schen britischen Besatzungssoldaten und Frauen in der Steiermark zwischen 1945–1955, Diplom- arbeit, Graz 2002. Rauchensteiner, Manfried: Stalinplatz 4. Österreich unter alliierter Besatzung, Wien 2005.
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