Erziehung und Unterricht 2018/3+4
Rohrbach, „Besatzungskinder“ – Die Kinder alliierter Soldaten und österreichischer Frauen 215 Erziehung und Unterricht • März/April 3-4|2018 zehn Jahre älteren Schwestern war ich als Baby die Ersatzpuppe, die die russischen Solda- ten für ihre Familien mitgehen hatten lassen. Als Schülerin die Vorzeigeschwester und Vor- zugsschülerin, bis zum Teenageralter. Plötzlich sahen sie in mir ein Hindernis, eine Konkur- rentin. Ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt wurden durch den Ruf, den ich und meine Mut- ter hatten, geschmälert. Vermeintliche Chancen zunichtegemacht.“ ( Schnabel 2015, S. 419) Die Strategien, die sich Kinder alliierter Soldaten zurechtlegten, um mit negativen Er- fahrungen zurechtzukommen, waren sehr unterschiedlich. Während ein Teil versuchte, jeg- liche Form von Diskriminierung zu ignorieren und Dinge mit sich selbst auszumachen, um nicht noch stärker aufzufallen und mehr Angriffsfläche zu bieten, gingen andere dazu über, sich Verbündete – wie zum Beispiel ältere SchülerInnen oder LehrerInnen – zu suchen, die eine Schutzfunktion übernehmen konnten. Anderenfalls mussten sich die Kinder selbst zur Wehr setzen. In diesem Zusammenhang merkt Linda O. in ihrem Interview an: „ […] Mir hat man aufgelauert. […] Ich musste mich ja dann auch wehren. […] Und dann habe ich mich den größeren Jungs angeschlossen, die von höheren Klassen waren. Und mit denen war ich dann unterwegs. Und die haben mich irgendwo beschützt. […] Ich habe mich halt auch oft nur mit Raufereien wehren können. […] Weil wenn man immer nur ruhig ist und alles gut lösen möchte […] kommt man ja auch nicht weit. […].“ Suche nach dem Vater Eine Frage, die Kinder alliierter Soldaten ihr ganzes Leben hindurch begleitet, ist die nach der Identität des leiblichen Vaters und damit zusammenhängend auch die Suche nach ihm. Viele Kinder alliierter Soldaten berichten, dass sie es als sehr belastend empfanden, nichts oder nur wenig über ihren Vater zu wissen. Es wirkt fast so, als ob ihnen aufgrund dieser Leerstelle ein Aspekt der eigenen Identität fehlt. Schließlich sind die Fragen, was für ein Mensch ihr Vater ist/war, über welche Eigenschaften er verfügte, warum er sie und ihre Mütter verlassen hat/hatte, aber auch, ob es in der Familie väterlicherseits irgendwelche Erbkrankheiten gibt, für ein besseres Eigenverständnis von immenser Bedeutung. Die Suche gestaltete sich oft schwierig. Entweder wollten die Mütter nicht über den Va- ter sprechen, da dieses Thema aufgrund der Enttäuschungen oder seelischen Verletzun- gen, die ihnen in der Vergangenheit zugefügt wurden, tabuisiert war. Oder es fehlten zen- trale Informationen, die für die Suche wichtig waren, weil die „Besatzungskinder“ nur ei- nen Kosenamen oder nur den Vornamen des Vaters kannten. Auch Linda, die im Alter von achtzehn Jahren zum ersten Mal ihre leibliche Mutter traf, versuchte von ihr Informationen zum Vater zu erhalten. Dazu erzählt Linda in ihrem Interview: „Und ich habe [der Mutter] gesagt: ,Sag mir einfach ... Du wirst doch irgendetwas wissen. Sag mir einfach, wer ist mein Vater? Wie heißt er, wo wohnt er?’ Und dieses [und jenes]. ,Ich habe nichts mehr, ich weiß nichts’, und ,Ich habe alles weggeschmissen.’ Da habe ich gesagt: ,Weiß er wenigs- tens von meiner Existenz?’ ,Ja, das weiß er.’ Und er hat mich auch gesehen. Aber er ist ja im Juli auch wieder zurückbeordert worden. Also knapp nach meiner Geburt ist er ja wieder – ist er ja zurück. Naja, das war ja [19]55, da wurden sie [die alliierten Soldaten] ja eh wieder alle zurückgeschickt, nicht? Und sie haben noch Kontakt gehabt, aber dann irgendwann ist der Kontakt abgebrochen. Und sie [die Mutter] hat dann alles weggeschmissen und sie will mit dem nichts zu tun haben.“ Viele, die bei Pflege- bzw. Adoptiveltern aufwuchsen trauten sich nicht zu deren Lebzei- ten nach ihrem leiblichen Vater zu suchen, da sie fürchteten ihre Eltern zu verletzen. In ei- nigen Fällen war es sogar so, dass die Kinder erst nach dem Tod ihrer Eltern herausfanden, dass der vermeintliche Vater nicht der leibliche Vater, sondern der Stiefvater, und sie in Wirklichkeit der Sohn/die Tochter von Besatzungssoldaten waren.
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