Erziehung und Unterricht 2018/3+4

212 Rohrbach, „Besatzungskinder“ – Die Kinder alliierter Soldaten und österreichischer Frauen Erziehung und Unterricht • März/April 3-4|2018 Auch war man, speziell am Anfang der Besatzungszeit, rasch mit Aggressionen und Straf- aktionen gegen die besagten Frauen zur Hand. Anonyme Drohbriefe, Spottgedichte in Zeitungen und öffentlich affichierte Schmähschriften gehörten zu den harmloseren Mit- teln, mit denen die „Besatzungsbräute“ diffamiert wurden. In Salzburg kamen bspw. modi- fizierte alte bäuerliche „Rügenrituale“ zur Anwendung, wenn Jugendliche beim „Abdresch- tanz“ das Gesicht eines Mädchens, das einen amerikanischen Freund hatte, mit Ruß an- schwärzten ( Bauer 1998, S. 156). In Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark schlossen sich junge Männer zu „Haarabschneidekommandos“ oder „Scherenklubs“ zusammen und schnitten Frauen, die tatsächlichen oder auch vermeintlichen Kontakt zu alliierten Solda- ten hatten, die Haare ab. Den Frauen wurde – ganz stark von der Gruppe der Heimkehrer ausgehend – unterstellt, nationalen Verrat zu begehen, da sie Beziehungen zum „Feind“ unterhielten. Ihre Bereit- schaft sich auf diese Kontakte „einzulassen“, wurde auf ihr vermeintlich moralisch korrum- piertes Wesen bzw. ihre angebliche Bereitschaft zurückgeführt, sich schon für kleine mate- rielle Zuwendungen zu prostituieren. Besonders hart traf es Frauen, die Verhältnisse zu schwarzen Soldaten unterhalten hatten. Dafür waren nicht zuletzt tief verwurzelte rassisti- sche Vorurteile verantwortlich, die auf jene rassistische Doktrin zurückgingen, die im Na- tionalsozialismus verstärkt wirksam gewesen war und auch weit über die NS-Zeit hinaus- gehend in der österreichischen Gesellschaft weiterwirkte. So lange sich die Freunde, Verehrer bzw. Beziehungspartner in Österreich befanden – Heiraten gestalteten sich aufgrund der unterschiedlichen Positionen, die die verschiede- nen alliierten Mächte zu dieser Frage einnahmen oft sehr schwierig –, waren die Frauen zumindest partiell geschützt, da die Besatzungssoldaten von der Bevölkerung als über- mächtige Feinde wahrgenommen wurden. Sobald sie allerdings das Land verließen – weil sie abgezogen oder aufgrund des Bekanntwerdens der Beziehungen von ihren Vorgesetz- ten versetzt wurden –, waren die Frauen auf sich allein gestellt und – streckenweise jahre- lang andauernder – Ausgrenzung und Diskriminierung durch das familiäre und/oder ge- sellschaftliche Umfeld ausgesetzt. Besonders schwierig gestaltete sich die Situation, wenn sie Kinder von alliierten Soldaten auf die Welt gebracht hatten. Die Kinder alliierter Soldaten und österreichischer Frauen Zwischen 1945 und 1956 wurden in Österreich mindestens 20.000 Kinder geboren, deren Väter alliierte Soldaten waren ( Stelzl-Marx 2012, S. 525). Schätzungsweise die Hälfte der Kinder hatte russische Väter ( Stelzl-Marx 2015, S. 104) und mindestens 5.000 amerikanische ( Bauer 2001, S.49). Die Zahl der britischen liegt allein in der Steiermark bei zumindest 1.000 ( Brunnhofer 2002, S. 44). Was die Lebensgeschichten der meisten Kinder verbindet, ist die Tatsache, dass ein großer Teil von ihnen vaterlos aufwuchs. Sofern die Kinder nicht aus Vergewaltigungen hervorgegangen waren, war den Vätern entweder nicht bewusst, dass sie Kinder gezeugt hatten bzw. weigerten sie sich, die Kinder anzuerkennen oder waren in zahlreichen Fällen – nach Bekanntwerden der Schwangerschaft – von ihren Vorgesetzten versetzt worden. Auf sich allein gestellt hatten die Mütter und Kinder mit massiven gesellschaftlichen und behördlichen Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu kämpfen. Dabei spielte es über- haupt keine Rolle, ob die Kontakte – die zur Entstehung der Kinder geführt hatten – frei- willig zustande gekommen waren oder nicht. Bezeichnungen wie „Niemandskinder“, „Kinder des Feindes“, „Bankert“, „Französerle“, „Russenkind“ und „Ami-Gschrappen“ zeigen, welchen schwierigen Stand diese Personen- gruppe in Österreich hatte. Doppelt schwer hatten es in diesem Zusammenhang die Kinder

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