Zeitbilder 8, Schülerbuch

Der Wille zur Wiedererrichtung Österreichs Noch während des Zweiten Weltkrieges beschäftigten sich die Regierungen der alliierten Mächte mit der Ordnung Europas nach dem Krieg. Bei einer Außenministerkonferenz in Moskau besprachen Hull (USA), Eden (GB) und Molotow (UdSSR) auch die Zukunft Österreichs. Das Ergebnis war die Moskauer Deklaration (im Oktober 1943): Q Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, dass Österreich, das erste freie Land, das der Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll. Sie betrachten die Besetzung Österreichs durch Deutschland am 15. März 1938 als null und nichtig. (…) Sie erklären, dass sie wünschen, ein freies, unabhängiges Österreich wieder errichtet zu sehen. (…) Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es jedoch für die Teilnahme am Krieg an der Seite HitlerDeutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird. (Moskauer Deklaration. Online auf: http://www.ibiblio.org/pha/policy/1943/431000a.html, 29. 11. 2017, übersetzt d. A.) Das Kriegsende in Österreich Ende März 1945 drängte die Rote Armee von Osten her die deutsche Wehrmacht immer weiter zurück. Einige Verbände stießen über das Burgenland und die Oststeiermark gegen Graz vor, andere in Richtung Wien. In der „Schlacht um Wien“ Anfang April wurde die ohnehin schwer bombengeschädigte Stadt noch mehr verwüstet. Ende April rückten französische Truppen über Vorarlberg bis nach Tirol vor. US-amerikanische Truppen besetzten Anfang Mai von Bayern kommend Innsbruck, Salzburg und Oberösterreich. Somit befreiten sie am 5. Mai 1945 auch das KZ Mauthausen. Am 8. Mai 1945 endete der Krieg in Österreich durch die bedingungslose deutsche Kapitulation. Die Neugründung der Parteien Schon in den Wochen vor Kriegsende hatten politisch engagierte Menschen – vor allem in den von der Roten Armee besetzten Gebieten – mit der Wiederherstellung des demokratischen Lebens begonnen. Karl Renner, der erste Staatskanzler der Ersten Republik, nahm schon Anfang April das sowjetische Angebot an, eine Konzentrationsregierung zu bilden. Dazu mussten allerdings erst die politischen Parteien wieder erstehen: ––Die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) entstand am 14. April 1945 durch die Vereinigung der ehemaligen Sozialdemokraten mit den Revolutionären Sozialisten. Die Partei war marxistisch ausgerichtet und Gedenkstein „O5“ am Wiener Stephansdom. Foto, 2004. Das Widerstandszeichen „05“ tauchte ab Herbst 1944 wiederholt an Hauswänden auf. Es stand für Österreich („O“ und „5“ für „e“ als der fünfte Buchstabe des Alphabets). hatte das Ziel, alle demokratisch-sozialistischen Wählerschichten der Bevölkerung anzusprechen. ––Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) wurde am 17. April 1945 in Wien von christlichsozialen Politikern gegründet. Sie distanzierte sich von der autoritären und klerikalen Politik der „Vaterländischen Front“ und verstand sich als Volkspartei aller demokratisch-nichtsozialistischen Österreicherinnen und Österreicher. ––Auch die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) organisierte sich neu. Ihr Ziel war die Errichtung einer Volksdemokratie in Österreich. Der politische Neubeginn SPÖ, ÖVP und KPÖ bekannten sich zu einem unabhängigen Österreich. Andere Parteien waren von der sowjetischen Besatzungsmacht nicht zugelassen. Auch die Widerstandsbewegung „O5“ wurde von den Parteien und den Sowjets von der politischen Mitarbeit ausgeschlossen. Renner bildete eine provisorische Regierung, der Vertreter aller drei Parteien angehörten (Konzentrationsregierung). In dieser Regierung traten die ideologischen Feindschaften aus der Ersten Republik angesichts der außerordentlich schwierigen politischen und wirtschaftlichen Probleme in den Hintergrund. Geprägt z.T. auch von der gemeinsamen KZ-Erfahrung („Geist der Lagerstraße“), begannen die Politiker in demokratischer Zusammenarbeit den Wiederaufbau. Aus der Vergangenheit hatten auch die Vertreter der Arbeitnehmer gelernt. Gab es in der Ersten Republik nur parteipolitisch ausgerichtete „Richtungsgewerkschaften“, so wurde noch im April 1945 der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) als überparteiliche Organisation gegründet. Die Wiederherstellung des (Gesamt-)Staates Schon am 27. April 1945 veröffentlichte die provisorische Regierung eine Unabhängigkeitserklärung – sozusagen die „Geburtsurkunde“ der Zweiten Republik: 1. Österreich – ein Neubeginn 10 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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