Zeitbilder 7, Schülerbuch

Eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases wurde die Tür geöffnet und die Entlüftungsanlage eingeschaltet. Es wurde sofort mit dem Herausziehen der Leichen begonnen (…). Den Leichen wurden nun durch die Sonderkommandos die Goldzähne entfernt und den Frauen die Haare abgeschnitten. Hiernach (wurden sie) durch den Aufzug nach oben gebracht vor die inzwischen angeheizten Öfen (…). (Höss, Autobiographische Aufzeichnungen, 1963, S. 133 f.) Neben etwa 6 Millionen europäischen Jüdinnen und Juden fielen auch Hunderttausende Angehörige anderer Menschengruppen der nationalsozialistischen Vernichtung zum Opfer, wie z. B. Roma und Sinti, Polen, Russen, politische Gegner, Zeugen Jehovas, die konsequent den Wehrdienst verweigerten, sowie Homosexuelle. Das erste Vernichtungsprogramm wurde von den Nationalsozialisten bereits seit 1939 durchgeführt: Es betraf die „Ausmerzung unwerten Lebens“, die als Euthanasie (= Sterbehilfe) getarnte Ermordung von ca. 100 000 Menschen mit Behinderung sowie unheilbar Kranken jeglichen Alters. In Österreich wurde sie in großem Ausmaß in Schloss Hartheim (Oberösterreich), aber auch in so genannten „Genesungsheimen“ oder Krankenhäusern, wie „Am Spiegelgrund“ in Wien, durchgeführt. Die Vernichtung der Roma und Sinti Die Minderheit der Roma und Sinti zählt aktuell etwa 12 Millionen Angehörige, verteilt auf ganz Europa. Karl Stojka, „Der Schrei – Bruder Ossi“. Gemälde, Öl und Acryl auf Leinwand, 1989. © Bianca Stojka-Davis. Karl Stojka über seinen Bruder Ossi: „In Auschwitz-Birkenau kamen wir nach der Tätowierung der Häftlingsnummer in das Zigeunerlager. Ossi war sechs Jahre alt. Es gab wenig zu essen, meistens Steckrüben. Eines Tages erkrankte mein Bruder an Flecktyphus und kam in die Krankenbaracke. Dort gab es aber keine ärztliche Hilfe, und Ossi starb – auch an Hunger. Er war kein Verbrecher, er war nur ein einfacher Zigeunerjunge.“ QIn Viehwaggone hat man uns hineingestoßen (…), niemandem wäre es auch nur eingefallen sich zu weigern oder sich zu sträuben, in die Waggone einzusteigen. Es ging alles so unmenschlich schnell vor sich mit Geschrei: „Na los, los ihr Saujuden“ und Gebelle von Hunden aus allen Richtungen. (…) In den Viehwaggonen hörte man nichts anderes als Stöhnen und Weinen und ein Geflüster, dass dieser Transport nach Auschwitz gehen würde. Natürlich wusste absolut niemand etwas Bestimmtes, aber alle hatten ein böses Vorgefühl. (…) Eine meiner ärgsten Erinnerungen, die mir bis heute noch unvergesslich geblieben ist, war, dass man mitten im Waggon einen „Scheißkübel“ aufgestellt hatte, der als Toilette für Männer, Frauen und Kinder dienen sollte. (…) Als wir schon ziemlich nahe an diese mörderische Todesmaschine Auschwitz gekommen waren, hat mein Papa durch eine kleine Öffnung einen Bahnbeamten gefragt, ob von hier auch Transporte woanders hingingen, worauf der Beamte nur mit dem Daumen hinauf zum Himmel zeigte und sagte: „Ja, nach da oben durch den Kamin, der 24 Stunden brennt. Dorthin gehen die Transporte.“ (…) Mein armer Papa, als er das hörte, hat sofort Bauchkrämpfe und Durchfall bekommen. Ich habe zusehen müssen, wie mein großer starker Papa, der für mich der Mutigste und Stärkste auf der Welt war, sich auf diesen Scheißkübel setzte, mit großer Scham sich die Hose auszog und vor allen Menschen auf diese erniedrigende Weise aufs Klo ging. Für mich brach die Welt zusammen. Mein Gedanke war sofort, dass wir ins Gas gehen, aber auf welche Weise? Wie würde man uns quälen, bis wir sterben? (…) (Jaegermann, Meine Erinnerungen, 1985, S. 3 f.) Neben ausschließlichen Vernichtungslagern erreichte das Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau traurige Berühmtheit. Der Kommandant dieses Lagers, Rudolf Höß, berichtete über den Tötungsvorgang: QDie zur Vernichtung bestimmten Juden wurden möglichst ruhig – Männer und Frauen getrennt – zu den Krematorien geführt. Im Auskleideraum wurde ihnen durch die dort beschäftigten Häftlinge des Sonderkommandos in ihrer Sprache gesagt, dass sie hier nur zum Baden und zur Entlausung kämen. (…) Nach der Entkleidung gingen die Juden in die Gaskammer, die mit Brausen und Wasserleitungsröhren versehen, völlig den Eindruck eines Baderaumes machte. (…) Die Tür wurde nun schnell zugeschraubt und das Gas (das Blausäurepräparat Zyklon B) sofort (…) in die Einwurfluken durch die Decke der Gaskammer in einen Luftschacht bis zum Boden geworfen. Dies bewirkte die sofortige Entwicklung des Gases (…). Man kann sagen, dass ungefähr ein Drittel sofort tot war. Die anderen fingen an zu taumeln, zu schreien und nach Luft zu ringen. Das Schreien ging aber bald in ein Röcheln über und in wenigen Minuten lagen alle. Nach spätestens 20 Minuten regte sich keiner mehr (…). 74 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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