Zeitbilder 7, Schülerbuch

• Die Wirtschaftskrisen waren ein zentrales Problem in der Ersten Republik. Besonders die „Hyperinflation“ bis 1922 stellte eine große wirtschaftliche und politische Belastung dar. • Mit Hilfe einer Völkerbundanleihe 1922 („Genfer Protokolle“) gelang Bundeskanzler Seipel die Sanierung der Währung (1924: Schilling) und des Staatshaushaltes. Das radikale Sparprogramm führte jedoch nicht zu einer Sanierung der Wirtschaft. • Die hohe Arbeitslosigkeit wurde zu einer Dauererscheinung und erhöhte sich noch einmal drastisch als Folge der Weltwirtschaftskrise in den Jahren nach 1929. Die Radikalisierung der Innenpolitik • Der verbale Radikalismus wurde von der jeweiligen Gegenseite als Bedrohung empfunden. Um sich zu schützen, errichtete man militaristische „Selbstschutzverbände“: Republikanischer Schutzbund (1923) – Sozialdemokratie; Heimatschutz und Heimwehr (1924) – bürgerliches Lager. • Das „Linzer Programm“ von 1926 (Androhung der „Mittel der Diktatur“), die Ereignisse um den Brand des Justizpalastes (1927) und der „Korneuburger Eid“ der Heimwehr (1930) vergifteten das politische Klima vollständig. Das Ende der Demokratie • Bundeskanzler Dollfuß (seit 1932) bekämpfte mit Unterstützung des faschistischen Italien (Mussolini) die Sozialdemokratie und den Nationalsozialismus. 1933 schaltete er das Parlament aus. • Ständige Provokationen der Sozialdemokraten (z. B. Waffensuchaktionen) durch Heimwehr und Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg, in dem die Sozialdemokratie unterlag und verboten wurde. Austrofaschistischer Ständestaat und sieben Jahre NS-Herrschaft • Die „Maiverfassung“ 1934 errichtete den austrofaschistischen Ständestaat mit der „Vaterländischen Front“ als Einheitspartei. Deren Bundesführer Bundeskanzler Dollfuß wurde im „Juliputsch“ 1934 von Nationalsozialisten ermordet. • Die Kanzlerschaft Kurt Schuschniggs (1934–1938) war vor allem geprägt vom Ringen um Österreichs Unabhängigkeit. • Nach der Annäherung zwischen Hitler und Mussolini fiel die italienische Unterstützung gegen Hitler weg. Das „Juliabkommen“ 1936 war de facto eine Kapitulation vor dem Nationalsozialismus. • Schuschnigg setzte für den 13. März 1938 eine Volksabstimmung an, in der die österreichische Bevölkerung entscheiden sollte, ob sie für oder gegen ein freies Österreich sei. • Am 12. März 1938 erfolgte jedoch der Einmarsch der deutschen Truppen. Schon am nächsten Tag verkündete Hitler die „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“, die er am 10. April 1938 in einer fragwürdigen Volksabstimmung bestätigen ließ. • In der „Ostmark“ (ab 1942 „Alpen- und Donaugaue“) setzte sofort die Verfolgung von politischen Gegnerinnen und Gegnern und Minderheiten (Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti u. v. a. m.) ein. „Rest-Trauma“ und Kampf ums Staatsgebiet • Kaiser Franz Joseph starb im November 1916. Er hatte als Symbolfigur den Vielvölkerstaat zusammengehalten. Nach seinem Tod waren der Zusammenbruch der Front und das Auseinanderbrechen der Donaumonarchie nicht mehr aufzuhalten. Versuche des letzten Kaisers Karl I., durch einen Umbau die Monarchie noch zu retten, scheiterten. • Noch vor Kriegsende wurde am 30. Oktober 1918 der selbstständige Staat Deutschösterreich gegründet. Karl Renner wurde Staatskanzler einer Konzentrationsregierung. • Einen Tag nach der Verzichterklärung Kaiser Karls I. wurde am 12. November 1918 die demokratische Republik Deutschösterreich – als Bestandteil der Deutschen Republik – ausgerufen. • Die Wirtschaftslage nach Kriegsende war katastrophal. Hunger, Krankheiten, Wohnungsnot, Inflation und Arbeitslosigkeit prägten die Situation nach Kriegsende. Viele Österreicherinnen und Österreicher beurteilten deshalb ihren neuen (Klein-) Staat als nicht „lebensfähig“. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten waren jedoch die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung Österreichs vorhanden. Die Legende von der mangelnden „Lebensfähigkeit“ des neuen Kleinstaates hielt sich aber hartnäckig und verhinderte bei vielen Menschen eine Identifizierung mit diesem. • Eine große Herausforderung stellten die offenen Grenzfragen dar: Die deutschsprachig besiedelten Gebiete Böhmens und Mährens kamen an die neu errichtete Tschechoslowakei. Kärnten blieb nach einem Abwehrkampf gegen Truppen des SHS-Staates bzw. durch eine Volksabstimmung ungeteilt erhalten. Um das Burgenland kämpften ungarische Truppen und die österreichische Gendarmerie – es kam zu Österreich. Der Bezirk Ödenburg (Sopron) fiel nach einer Volksabstimmung an Ungarn. Südtirol fiel nach dem Willen der Siegermächte an Italien. Darüber hinaus kam es infolge des fehlenden Nationalbewusstseins zu weiteren Anschlussbewegungen an das Deutsche Reich und die Schweiz. Parteien – Verfassung – Sozialgesetzgebung – Wirtschaftskrisen • Das politische Leben in der Zwischenkriegszeit war durch die Verhärtung der Standpunkte zwischen „Rot“ (Sozialdemokratie) und „Schwarz“ (Christlichsoziale) geprägt. • In der Sozialdemokratischen Partei gab es einen gemäßigten (Karl Renner) und einen radikalen (Otto Bauer, „Austromarxismus“) Flügel. Ab 1920 war die Partei in der Opposition. • Die Christlichsoziale Partei war bürgerlich-konservativ ausgerichtet. Sie war ideologisch und personell eng mit der katholischen Kirche verbunden – ihr bedeutendster Führer war Prälat Ignaz Seipel. • Zu den bürgerlichen Parteien gehörten auch die Großdeutsche Partei und der Landbund. Sie waren nach 1920 an Koalitionen mit den Christlichsozialen beteiligt. • Zwischen 1918 und 1920 wurde die Sozialgesetzgebung von der „rot-schwarzen“ Koalitionsregierung stark ausgebaut. • Der Wiener Völkerrechtsprofessor Hans Kelsen arbeitete eine Verfassung aus. Sie trat 1920 in Kraft und ist auch heute noch im Wesentlichen die Verfassung der Zweiten Republik. Österreich I – die Erste Republik Basiswissen 52 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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