Zeitbilder 7, Schülerbuch

mehr auf den Beinen halten kann, stützen ihn zwei Polizisten unter den Achseln. Fließband und Stoika wurden damals systematisch angewandt. Kurz ehe der (Mann) das Bewusstsein verlor, fühlte er, dass im Bein etwas platzte – eine Vene. Die Beine waren wie Holzklötze angeschwollen, um sie zu verbinden, mussten die Hosen aufgeschnitten werden. (Jakir, Kindheit in Gefangenschaft, 1972, S. 6) Auf dem Höhepunkt der „Säuberungen“ in den Jahren 1936 bis 1938 befanden sich 8 bis 9 Millionen (5 bis 6 Prozent der Bevölkerung) sowjetische Bürgerinnen und Bürger in den Gefängnissen der russischen Staatspolizei. Schätzungen besagen, dass die stalinistische Diktatur mindestens 20 Millionen Menschen das Leben kostete. 1938 ließ Stalin eine neue Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schreiben. Sie sollte beweisen, dass Stalin der einzige Schüler und engste Freund Lenins gewesen sei. Alle anderen kommunistischen Führer wurden als Abtrünnige und Verräter bezeichnet. Um von Terror und Gewaltmaßnahmen abzulenken, ließ sich Stalin bis zu seinem Tod 1953 in einem beispiellosen Personenkult als „großer und genialer Führer und Lehrer“ feiern. Wassili Swarog, Stalin mit Kindern. Gemälde (Ausschnitt), 1939. Stalins Personenkult äußerte sich in riesengroßen Fotografien, Plakaten und Statuen. Oft ließ er sich mit Kindern darstellen. Fragen und Arbeitsaufträge 1. Beschreibe die Merkmale der Gewaltherrschaft des Stalinismus. Erkläre in diesem Zusammenhang auch die Begriffe: „Kulaken“, „Kollektivierung“, „Sozialismus = Sowjetmacht plus Elektrifizierung“, „Schauprozesse“ und „Säuberungen“. 2. Erläutere, was man unter „Personenkult“ versteht. Analysiere dazu auch das Gemälde von Swarog. Beschreibe die Bildinhalte (Personen, Hintergrund, Farben etc.). Diskutiert, welche Wirkung der Kult um politische Machthaber auf Menschen haben kann. Die Verkehrswege wurden stark ausgebaut, so wurde z.B. eine Bahnlinie von Turkestan im Süden nach dem nördlichen Sibirien gebaut. Damit wurde der Austausch von Baumwolle, Getreide und Holz erleichtert. Im Zweiten Weltkrieg sollte sich der Ausbau von Industriezentren im Ural und in Sibirien als wichtiger strategischer Vorteil erweisen. In der Sowjetunion herrschte ein Mangel an Technikern und Ingenieuren. Stalin verpflichtete daher auch ausländische Experten. Außerdem wurden junge Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger für höher qualifizierte Posten ausgebildet. So entstand neben der Klasse der Arbeiter und Bauern die neue privilegierte Gesellschaftsschicht der „Intelligentsija“. In hohem Maß wurde die menschliche Arbeitskraft mobilisiert und ausgebeutet. Mit Zwang und härtesten Maßnahmen versuchte man, die Arbeitsmoral zu heben. Stalin appellierte aber auch mit Erfolg an die patriotischen Gefühle der Bevökerung: Erfolgreiche Arbeiterinnen und Arbeiter wurden als „Helden der Arbeit“ gefeiert und mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet. Durch die Bevorzugung der Schwerindustrie wurde die Erzeugung von Konsumgütern stark vernachlässigt. Lebensstandard und Löhne der Menschen in der Sowjetunion waren sehr niedrig, Wohnraum war äußerst knapp. Anfang der 1930er Jahre konnten Lebensmittel nur auf Karten bezogen werden. Trotzdem war die zentrale Verteilerorganisation nicht imstande, die Menschen mit den notwendigen Lebensmitteln zu versorgen. Terror und Personenkult Jede Abweichung von den Richtlinien der kommunistischen Partei wurde von der Geheimpolizei verfolgt und hart bestraft. 1934 erließ Stalin ein Gesetz, das Eltern und Kinder verpflichtete, sich gegenseitig wegen antisozialistischer Kritik bei den Behörden anzuzeigen. Wer eine derartige Kritik äußerte, wurde meist mit Zwangsarbeit in Lagern (Gulags) in Sibirien bestraft. Viele Millionen Menschen starben dort im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Ab 1934 stellte Stalin Mitglieder einer angeblichen „trotzkistischen Opposition” als Konter-Revolutionäre vor Gericht. In den öffentlich geführten Schauprozessen machten die Angeklagten Selbstbezichtigungen und Geständnisse. Diese wurden aber durch vorhergehende Folterungen erzwungen. Von den Terrormaßnahmen Stalins waren altgediente Partei-Funktionäre, hohe Offiziere sowie auch Menschen betroffen, die sich gar nicht politisch betätigten. Es entstand ein Klima der Angst und des gegenseitigen Misstrauens. Ein Augenzeuge berichtet, wie im Gefängnis von unschuldigen Menschen Geständnisse erpresst wurden: QEr lag auf dem Boden. Seine Hosen waren aufgetrennt, die Beine verbunden. Er hatte viereinhalb Tage „Stoika“ hinter sich. Stoika ist die erschwerte Form von Fließband. Fließband bedeutet pausenloses Verhör mehrere Tage hindurch (…). Bei der Stoika wird der Untersuchungshäftling gezwungen die ganze Zeit zu stehen. Wenn er sich nicht Die Zwischenkriegszeit – Umbrüche und Krisen 29 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

RkJQdWJsaXNoZXIy ODE3MDE=