Zeitbilder 7, Schülerbuch

Da die indische Nationalbewegung ihren Einsatz für die Unabhängigkeit Indiens zugleich als Kampf für nationale Selbstbestimmung aller abhängigen Völker betrachtete, setzte sich das unabhängige Indien für die Entkolonialisierung der in kolonialer Abhängigkeit von europäischen Mächten lebenden Nationen ein. (Schmidt u. a., Im Besitz der Kongresspartei: Indien. In: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte, Bd. 15, 2006, S. 370) Der Historiker Reinhardt Wendt über die verschiedenen Wege zur Unabhängigkeit: Unabhängigkeit von einer Kolonialmacht konnte gewährt oder erkämpft werden. Die USA auf den Philippinen, die Briten in Ceylon, an der Goldküste und zuletzt in Hongkong oder die Franzosen in Westafrika übergaben die Macht nach einem festgelegten Fahrplan in einheimische Hände. Diesen „geordneten“ Dekolonisationen standen turbulente gegenüber, bei denen die westlichen Herren sich notgedrungen zurückzogen oder zur Aufgabe gezwungen wurden. Guerilla-Aktivitäten in Malaya oder der Mau-Mau-Aufstand in Kenia beförderten die britische Bereitschaft, Unabhängigkeit zu gewähren. Die Dekolonisation Niederländisch-Indiens wurde durch eine Kombination von indigenem Widerstand und außenpolitischem Druck der USA erreicht. (…) Befreiungskriege trotzten den Kolonialmächten die Unabhängigkeit in Vietnam, Algerien und den portugiesischen Kolonien in Afrika ab. (Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung, 2007, S. 341 f.) Der Historiker Reinhardt Wendt über die Folgen der Dekolonisation: Die (…) Dekolonisation hat die politischen und ökonomischen Rollenverhältnisse auf der Welt nicht grundsätzlich verändert. Der Verlust formeller Kolonialherrschaft schwächte die einstigen Mutterländer allenfalls kurzfristig. Interessen in der Überseeischen Welt ließen und lassen sich auch mit Hilfe informeller Strukturen aufrechterhalten. (…) Man kann von informellen Abhängigkeiten sprechen. Dass sich manche Länder aus dieser Lage nicht befreien können und weiterhin unter ökonomischer und kultureller Fremdbestimmung leiden, dafür lassen sich neben hausgemachten eine Reihe externer Ursachen anführen. Letztere liegen in der Art und Weise, wie die Länder des Nordens ihre Interessen wahrnehmen und durchsetzen. Diese strukturellen Behinderungen, die eine selbstbestimmte Entwicklung hemmen, wurden zeitweise als Neokolonialismus bezeichnet. Heute werden sie häufig unter dem Begriff „Globalisierung“ subsumiert. (Wendt, Vom Kolonialismus zur Globalisierung, 2007, S. 326) M4 M5 Die Materialien in diesem Kapitel dienen dazu, die Historische Sachkompetenz weiterzuentwickeln. Anhand des genannten Themas geht es darum, verschiedene Perspektiven in historischen Quellen und Darstellungen zu identifizieren und zu hinterfragen bzw. themenbezogene Auswahlentscheidungen in historischen Darstellungen zu erkennen (Selektivität) sowie die Retrospektivität von Geschichte zu erkennen und zu reflektieren. Resolution „Quit India“ („Verlasst Indien“), verfasst von einem Komitee des indischen Nationalkongresses unter Führung Mahatma Gandhis, 8. 8. 1942: Die Beendigung der britischen Herrschaft in diesem Land ist eine lebenswichtige und unmittelbar zu treffende Entscheidung, von der Zukunft des Krieges und der Erfolg von Freiheit und Demokratie abhängen. (…) Das Komitee beschließt daher, zur Erlangung von Indiens unveräußerlichem Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit, den Beginn eines Massenkampfes mit gewaltlosen Mitteln in weitestmöglichem Ausmaß zu genehmigen. (Zit. nach: Rothermund, Blutiger Bruderzwist. In: Die Zeit. Welt- und Kulturgeschichte, Bd. 14, 2006, S. 328) Jawaharlal Nehru, der künftige Premierminister Indiens, am 15. 8. 1947 in einer Botschaft an die Presse: Der vorbestimmte Tag ist gekommen (…) und Indien tritt nach langem Schlummer und langem Kampf wieder in den Vordergrund, ist erwacht, voller Leben, frei und unabhängig. (…) Wir sind Bürger eines großen Landes, wir stehen an der Schwelle zu kühnem Fortschritt, und wir müssen auf dieses hohe Ziel hinarbeiten. Welcher Religion wir auch angehören mögen, wir alle sind Kinder Indiens und haben gleiche Rechte, Privilegien und Pflichten. (…) Wir grüßen die Nationen und Völker der Welt und versprechen ihnen, mit ihnen zusammen an der Weiterentwicklung des Friedens, der Freiheit und der Demokratie zu arbeiten. (Zit. nach: Wolfrum/Arendes, Globale Geschichte des 20. Jahrhunderts, 2007, S. 137) Fachartikel über die Außenpolitik von J. Nehru: Außenpolitisch leitete Nehru eine Politik der „Blockfreiheit“ ein, um die Unabhängigkeit seines Landes, vor allem angesichts des Ost-West-Konflikts, zu wahren; er verband diese Maxime mit dem Gedanken der Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Zusammen mit Indonesien, Ägypten und Jugoslawien entwickelte sich Indien zu einem der tonangebenden Staaten der Dritten Welt, was 1955 vor allem auf der Bandungkonferenz sichtbar wurde und in die Bewegung der blockfreien Staaten mündete. M1 M2 M3 5. Das Ende kolonialer Herrschaft in Asien und Afrika 134 Kompetenztraining Historische Sachkompetenz Grundlegende erkenntnistheoretische Prinzipien des Historischen kennen und anwenden (Perspektivität; Selektivität; Retroperspektivität) Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

RkJQdWJsaXNoZXIy ODE3MDE=