Zeitbilder 7/8, Schülerbuch

Ein Großteil der niederen Funktionäre wurde bald entlassen. Wichtigere politische Gegner sowie die Jüdinnen und Juden jedoch wurden in Konzentrationslager eingeliefert. Tausende weitere Gegnerinnen und Gegner entzogen sich der NS-Herrschaft durch (erzwungene) Flucht. Einige von ihnen konnten aus dem Exil aktiven Widerstand leisten. Erkläre, weshalb beim österreichischen Widerstand das nationale Motiv lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle spielte. Erläutere, welche Widerstandskräfte gegen den Nationalsozialismus schon vor 1938 bestanden. Widerstand der Frauen Häufig wird der weibliche Anteil am Widerstand vergessen. Nicht selten haben junge Mädchen an der Seite ihrer Väter oder Brüder, verheiratete Frauen oft mit ihren Ehegatten ebenso wie alleinstehende Frauen am Widerstand teilgenommen. Vor Gericht waren Frauen und Männer derselben gnadenlosen Justiz ausgeliefert, die „unerbittlich zu vernichten“ und nicht zu richten hatte. Das Todesurteil für die Salzburger Näherin Rosl Hofmann steht für viele andere: QDie Angeklagte hat in einer für eine Frau außerordentlich fanatischen und gefährlichen Weise versucht, auf den Geist der deutschen Soldaten Einfluss zu gewinnen. (…) Sie muss, damit das deutsche Volk lebt, (…) fallen. (Zit. nach: Spiegel, Frauen und Mädchen im österreichischen Widerstand, 1967, S. 10) Der „Fall Jägerstätter“ Wie die Mitmenschen auf offene Gegner des Nationalsozialismus reagierten, zeigt die Geschichte des Innviertlers Franz Jägerstätter. Bei der „Anschluss“-Volksabstimmung am 10. April 1938 stimmte er als Einziger seines Dorfes mit „Nein“ und wurde damit sofort zum Außenseiter: Der Innviertler Franz Jägerstätter, der von Oktober 1940 bis April 1941 in der Wehrmacht gedient hatte, verweigerte im März 1943 seinen Dienst als Soldat in der deutschen Wehrmacht und wurde am 9. August 1943 wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ hingerichtet. Foto, vermutlich 1940/41. Erst als im Sommer 1944 die alliierten Armeen an den Grenzen des Deutschen Reiches standen, beschlossen hohe Offiziere der deutschen Wehrmacht einen Staatsstreich („Operation Walküre“). Sie wollten den Krieg, der nicht mehr zu gewinnen war, beenden und damit weitere Opfer an Menschenleben und weitere Zerstörungen verhindern. Oberst Stauffenberg gelang es am 20. Juli 1944, im streng bewachten „Führerhauptquartier Wolfschanze“ in Ostpreußen, bei einer Besprechung mit Hitler eine Tasche mit einer Zeitbombe zu hinterlegen. Nachdem Stauffenberg nach Berlin zurückgekehrt war, wurden sofort wichtige NS-Funktionäre gefangen genommen und militärische Schaltstellen besetzt. Doch Hitler wurde bei der Explosion nur leicht verletzt und nahm sofort telefonischen Kontakt mit Goebbels auf. Dieser ließ die Verschwörer – unter ihnen auch Oberstleutnant Bernardis aus Linz – durch das loyal gebliebene Wachbataillon sofort verhaften. Mehrere Verschwörer wurden noch am gleichen Tag standrechtlich erschossen, der andere Teil zum Tode verurteilt, gefoltert und an Fleischerhaken aufgehängt. Durch die Niederschlagung dieses Widerstandes war es auch nicht mehr möglich, den Krieg früher zu beenden. Erst in der Endphase 1945 konnte vor allem österreichischer Widerstand wirksam werden. Widerstand in Österreich In den vom NS-Regime besetzten Ländern bestand gegenüber den Deutschen ein klares Feindbild. Kollaborateure waren isoliert und geächtet. L In Österreich hingegen hatten die Widerstandskämpfer nicht zuletzt Österreicher zum Gegner, in einer von Denunzianten und fanatischen Regimeanhängern durchsetzten Umwelt zu wirken, gegen einen perfekt organisierten Terrorapparat und eine gigantische Propagandamaschinerie anzukämpfen. (Neugebauer, Zwischen Kollaboration und Widerstand, 1988, S. 28) Nach der kampflosen Besetzung Österreichs durch die deutsche Wehrmacht im März 1938 war die Organisierung eines Widerstandes schwierig: L Der nazistische Siegestaumel hatte (…) breite, weit über die NS-Sympathisanten hinausgehende Kreise der Bevölkerung erfasst. Auch viele, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden und später in den Widerstand gingen, wollten erst abwarten, was das neue Regime in der Praxis bringt. (Neugebauer, Widerstand und Opposition, 2002, S. 189) Außerdem wollten die Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ alle mutmaßlichen Gegnerinnen und Gegner möglichst schnell ausschalten: Innerhalb weniger Wochen wurden etwa 50 000 bis 75 000 Funktionäre der „Vaterländischen Front“, Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialistinnen und Sozialisten, bekannte „Antinazis“ sowie Jüdinnen und Juden verhaftet. 78 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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