Zeitbilder 7/8, Schülerbuch

Die systematische Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung in „Großdeutschland“ und in den besetzten Gebieten war auf höchster Regierungsebene schon lange beschlossen. Die Richtlinien für die Durchführung dieses geplanten und verharmlosend als „Endlösung“ bezeichneten Völkermordes erhielten die höchsten Beamten bei einer Besprechung im Jänner 1942 in einer Villa am Berliner Wannsee. Laut Protokoll dieser „Wannsee-Konferenz“ erklärte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhardt Heydrich, Folgendes: QDie Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege (…) zentral beim Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei (…). Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit (…) die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten (…). Unter entsprechender Leitung sollen im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen (…). Unter Trennung der Geschlechter werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Das Wannsee-Protokoll. Online auf: http://www.ns-archiv.de/verfolgung/wannsee/wannsee-konferenz.php, 20. 9. 2017) Erkläre Heydrichs Aussage im Wannsee-Protokoll über den Zweck der Arbeit im Rahmen der „Endlösung“. Der „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler, verdeutlichte am 6. Oktober 1943 in Posen die „Endlösung“ folgendermaßen: QWie ist es mit den Frauen und Kindern? – Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen. (Zit. nach: Graml, Reichskristallnacht: Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, 1988, S. 264) Der Österreicher Adolf Eichmann wurde mit der logistischen Abwicklung der „Endlösung“ beauftragt. Seit 1942 rollten unzählige Viehwaggons mit Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager des „Generalgouvernements Polen“. Die tschechoslowakische Jüdin Judith Jaegermann wurde 1943 als Dreizehnjährige gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester nach Auschwitz geschickt: Vom Novemberpogrom bis zur Deportation (1938 –1941) Die Ermordung eines deutschen Botschaftsangehörigen durch einen jungen polnischen Juden in Paris nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass für eine landesweite Judenverfolgung (= Pogrom) am 9. November 1938. Die Nationalsozialisten bezeichneten es als „Reichskristallnacht“. Dabei wurden im Deutschen Reich 191 Synagogen sowie Tausende Geschäfte und Wohnhäuser in Brand gesteckt oder zerstört. Rund 20 000 Jüdinnen und Juden wurden festgenommen. Die jüdische Bevölkerung musste eine kollektive „Sühneabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark zahlen. Nun begann auch die „Arisierung“ (= Zwangsenteignung) jüdischer Geschäfte und jüdischen Grundbesitzes. Wer das Land verlassen wollte, konnte dies unter Verzicht auf sein Vermögen („Reichsfluchtsteuer“) noch tun. Allerdings waren viele Staaten nicht bereit, Jüdinnen und Juden aufzunehmen. Ab 1939 durften Jüdinnen und Juden nur noch isoliert von der übrigen Bevölkerung in eigenen Häusern bzw. Wohnungen leben. Mit Kriegsbeginn wurde ihnen der Besitz von Autos, Rundfunkgeräten, Telefonanschlüssen und auch das Halten von Haustieren verboten. Ab Herbst 1941 begannen die Nationalsozialisten mit der systematischen Deportation der Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager im besetzten Polen. Juden in Osteuropa müssen ins Ghetto (ab 1940) Seit 1940 richtete die deutsche Besatzungsmacht überall in Polen größere und kleinere Ghettos ein. Dort mussten mehr als zwei Millionen Menschen auf engstem Raum unter katastrophalen Bedingungen leben. Dies führte zusammen mit der ständigen Unterernährung bald zu einem Massensterben (z. B. teilte die deutsche Verwaltung im Warschauer Ghetto täglich nur 200 Kalorien pro Person zu). Auch in den später besetzten Gebieten Osteuropas wurde die jüdische Bevölkerung in Ghettos zusammengepfercht. Hierher wurden auch Jüdinnen und Juden aus Österreich und dem Deutschen Reich deportiert. Die Vernichtung der Juden in Osteuropa Ab dem Sommer 1941 begannen spezielle Einsatzgruppen und Sonderkommandos von SS und Polizei in den besetzten Gebieten mit der systematischen Vernichtung der osteuropäischen Jüdinnen und Juden (bis Ende 1942: 910 000 Opfer). Auch Roma und Sinti fielen diesen Massenmorden – hauptsächlich durch Erschießung – zum Opfer. Gleichzeitig begann in Polen die „Aktion Reinhardt“: Unter strenger Geheimhaltung wurden unter Leitung des Österreichers Odilo Globocnik die Vernichtungslager errichtet. Im September 1941 wurde erstmals das Giftgas „Zyklon B“ an 600 sowjetischen Kriegsgefangenen „ausprobiert“. Es wurde schließlich zum am häufigsten eingesetzten Tötungsmittel. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg 71 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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