Zeitbilder 7/8, Schülerbuch

die assoziiert wurde mit Negern (sic!), Sex und Gewalt, die als „primitiv“ galt – alles genau das Gegenteil von jenen Mittelklassestandards, denen die meisten Erwachsenen dieser Zeit so verzweifelt nacheiferten. (…) Ein Merkmal ihrer Elterngeneration ist wichtig: Ein beträchtlicher Teil davon wird in den verschärften Klassenauseinandersetzungen der zwanziger und dreißiger Jahre engagiert gewesen sein, beschuldigt als „Kommunisten“, „Sozialisten“, „Faschisten“. Dies hatte sicher Folgen für ihre Kinder: Als „Entpolitisierung“, aber sicher auch als tiefes Misstrauen gegenüber Macht und Herrschaft, das seinen Ausdruck in neuen Formen des Widerstandes fand. (…) Die Halbstarken waren bisher kaum als ein historisches „Ereignis“ von politischer Bedeutung, sondern eher als eine mit besonderen Merkmalen behaftete Unterschichtjugend betrachtet worden. Die Halbstarken- Bewegung wurde als eine Gefahr für die Gesellschaft, nie aber als ein Faktor sozialen Wandels gesehen. An der Halbstarken-Bewegung beteiligte sich ein beträchtlicher Anteil der damaligen Jugend, nach groben Schätzungen etwa ein Fünftel der jeweiligen Jahrgänge, aber doch eine sehr deutlich sichtbare Minderheit. (…) Das Benehmen der Halbstarken drückt sowohl Klassenwiderstand gegen Degradierung körperlicher Kraft und Stärke durch die an Größe und Bedeutung gewinnende neue Mittelklasse aus als auch das Beharren auf Körperlichkeit als zentrale Quelle menschlicher Lust und menschlichen Leids. Und es gab einfach keine angemessene Sprache, deren sich die Halbstarken hätten bedienen können. Was auf der sprachlichen Ebene praktiziert wurde, war die Ablehnung „großer Worte“. So entging man der Heuchelei der herrschenden Sprache: durch „Nichtsprechen“, den Gebrauch einer Fremdsprache (englische Song-Texte) oder durch die Weigerung, sich „netter Ausdrucksweisen“ zu bedienen. (Fischer-Kowalski/Wiesbauer, „Früchterln“ und was sie fruchten, 1985, S. 64 ff.) Die Materialien in diesem Kapitel dienen dazu, die Historische Methodenkompetenz weiterzuentwickeln. Die Aufgaben 1, 2, 5 und 6 leiten dazu an, Darstellungen der Vergangenheit zur Thematik „Jugend“ kritisch systematisch zu hinterfragen (zu dekonstruieren). Aufgabe 3 und 4 zielen darauf ab, den Aufbau von Darstellungen der Vergangenheit zu diesem Thema z. B. hinsichtlich der inhaltlichen Gewichtung, der Argumentationslinien oder der Erzähllogik zu analysieren. Harry Weber, Halbstarke in einer Wiener Privatwohnung, um 1955: Foto (Ausschnitt), um 1955. Marina Fischer-Kowalski, Elisabeth Wiesbauer: „Früchterln“ und was sie fruchten. Jugendkultur in den fünfziger Jahren, 1985: In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre bevölkerten jugendliche Straßenbanden als „Halbstarke“ nahezu jedes dafür geeignete Straßeneck, und dies sicherlich nicht nur in den Arbeiterbezirken der Städte. Sie erfanden weltweit ihr spezifisches Erscheinungsbild: Motorräder, Jeans, Lederjacken und langes fettiges Haar mit Entenschwanz für männliche Jugendliche; aufreizende Kurven unterstrichen von Jeans, schwingenden Röcken und breiten Gürteln, toupiertes und oft gefärbtes Haar für weibliche Jugendliche. All das stand in scharfem Gegensatz zu dem, was ihre Eltern unter „anständigem Äußeren“ verstanden. Und sie hatten ihre Musik, eine Musik, M1 M2 9. Jugend 150 Kompetenztraining Historische Methodenkompetenz Darstellungen der Vergangenheit kritisch-systematisch hinterfragen (dekonstruieren) Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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