Zeitbilder 7/8, Schülerbuch

Konflikte führen immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die religiösen Differenzen offenbaren sich bei Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen. Gewalt hat aber auch einen Genderaspekt. Vor allem Frauen und sozial schwache Mitglieder der Gesellschaft werden zu Opfern. Dazu hält der deutsche Historiker Andreas Rödder fest: L Afrika erlebte auch nach 1990 immer wieder Eruptionen von Gewalt wie etwa den Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda 1994, der sich mit den Bürgerkriegen in Zaire (ab 1997 der Demokratischen Republik Kongo) bis 2003 überlagerte. Die weitere Entwicklung vor allem im Nordosten des Kongo war symptomatisch für die Destabilisierung von staatlichen Strukturen durch bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen und das Wirken von Warlords, die private Milizen aus Söldnern und nicht zuletzt aus Kindersoldaten rekrutierten. Solche Entwicklungen waren allerdings volatil (= schwankend; Anm. d. A.) – in Richtung Destabilisierung ebenso wie in Richtung Konsolidierung, wobei sich zunehmend diffuse Regierungsformen ausbildeten. Diese Zustände öffneten das Einfallstor für den Islamismus, der sich nach dem „Arabischen Frühling“ in Nigeria, in Mali und in weiten Teilen des Maghreb ausbreitete und die wohl größte Bedrohung im frühen 21. Jh. darstellte. (Rödder, 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, 2016, S. 367) Vielfach wird als Folge von staatlichen Entwicklungen von, wie Rödder sie beschreibt, „schwachen“ oder „fragilen Staaten“ gesprochen. Flüchtlingslager in Tansania: Etwa 90 000 ruandische Flüchtlinge warten auf Versorgung mit Essen durch das Rote Kreuz. Foto, 20. 5. 1994. Im zentralafrikanischen Ruanda führte ein seit dem Ende der 1980er Jahre bestehender Konflikt 1994 zu einem verheerenden Genozid, in dem Hunderttausende Tutsi ermordet und über 3 Millionen zur Flucht gezwungen wurden. Bereits 1994 wurde vom UNO-Sicherheitsrat ein internationales Straftribunal (ICTR) eingerichtet. Im Dezember 2015 hat dieser Gerichtshof seine Arbeit beendet. Mögliche Perspektiven Der Journalist Thomas Scheen gibt folgende Ausblicke: L Wirtschaftlich ist Afrika alles andere als ein hoffnungsloser Fall. Nahezu alle Volkswirtschaften auf dem Kontinent wachsen seit Jahren beständig um 1.4 Afrika – politische Unabhängigkeit allein genügt nicht Vielfalt der Probleme Trotz der formalen Unabhängigkeit übten in vielen afrikanischen Staaten die ehemaligen Kolonialmächte ihren wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einfluss weiter aus. Der deutsche Historiker Wolfrum schreibt: L Hatte sich also während des Booms eine neokoloniale Weltordnung etabliert? Es war der ghanaische Präsident Kwame Nkrumah, der 1965 den Begriff „Neokolonialismus“ prägte. Darunter verstand er eine Situation, in der trotz formaler Souveränität von Staaten wirtschaftliche und politische Angelegenheiten mehr oder weniger von außen gesteuert werden. Auslandsinvestitionen führten demnach nicht zur „Entwicklung“, sondern zur „Ausbeutung“. (Wolfrum, Welt im Zwiespalt, 2017, S. 318) Die hohe Auslandsverschuldung hatte verheerende Auswirkungen. Statt in die eigene Entwicklung investieren zu können, förderten die afrikanischen Staaten mit ihren Schuldenrückzahlungen die reichen „Geldverleiher“ im Norden. Als Folge dieser Wirtschaftsentwicklung verstärkte sich die Arbeitslosigkeit v. a. von jungen Menschen. Die Gesellschaft entwickelte sich auseinander: Heute leben immer mehr sehr arme Menschen neben bewachten „Wohlstandsinseln“, in denen sich eine kleine Minderheit alles leisten kann. Dieser schroffe Gegensatz fördert die Bereitschaft zur Gewalt. Der deutsche Historiker Rödder benennt auch die schwierigen Startbedingungen vieler afrikanischer Staaten: L [Diese schwierigen Ausgangsbedingungen] bestehen in willkürlichen Grenzziehungen und gewaltigen Größenunterschieden zwischen den Staaten, unterentwickelter Infrastruktur, uneinheitlicher Ressourcenvorkommen und Monokulturen von Exportgütern. Hinzu kam, dass die bis dahin von den Kolonialmächten beherrschten Staaten nur über kleine indigene Eliten verfügten. Die Folgen waren problematische politische und wirtschaftliche Weichenstellungen, die in Afrika, im Unterschied zu den erfolgreichen ostasiatischen Entwicklungsländern, zu staatszentrierten und nicht exportorientierten Ökonomien führten. Das zentrale Problem der wirtschaftlichen Entwicklung lag im Fortbestehen von Traditionen der „Rentenökonomie“. Damit sind Einkommen gemeint, die nicht auf dem Einsatz von Arbeit oder Kapital beruhen, wie etwa Einkommen aus Rohölexporten oder aus der Entwicklungshilfe. Ökonomisch ist Afrika somit das „Armenhaus der Welt“ geblieben, in dem heute noch jeder Zweite in extremer Armut lebt. (Rödder, 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, 2016, S. 365 f.) Krisen und Krisenregionen Gewalt in Afrika wird häufig mit ethnischer Zugehörigkeit und Religion in Verbindung gebracht. Ethnische 112 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

RkJQdWJsaXNoZXIy ODE3MDE=